Skinflint haucht Industrieleuchten neues Leben ein


Fundstücke im neuen Licht

Von Wava Carpenter

„Unsere Leuchten unterscheiden sich in einem wichtigen Punkt: sie haben Geschichte und Tradition“, antwortet Sophie Miller – Mitbegründerin von Skinflint, einem Atelier für Vintage-Beleuchtung in Cornwall – auf die Frage, was ihre liebevoll restaurierten Leuchten von denen auf dem Contemporary-Markt unterscheidet. „Heute stellen viele Unternehmen Hänge-, Stand- und Wandleuchten her, die unseren Modellen stark ähneln. Mit dem individuellen Charakter und den Hintergrundgeschichten unserer Produkte können die aber nicht mithalten. Ein neu produzierter Schirm aus Emaille ist etwas ganz anderes als einer, der in den 1930ern für die Fabrikhallen von Rolls Royce hergestellt wurde. Eine neue Glaskugel leuchtet anders als eine, die vor einem halben Jahrhundert in Osteuropa produziert wurde. Ganz oft sind es gerade die kleinen Makel und Unregelmäßigkeiten, die alte Industrieleuchten so besonders machen.“

Sophie und ihr Partner und Ehemann Chris sind mittlerweile Experten darin, Leuchten aus dem 20. Jahrhundert zu retten und zu restaurieren – Objekte aus Fabriken, Schiffswerften und Bürokomplexen, die ansonsten wahrscheinlich ihrem eigenen Verfall überlassen worden wären. Seit der Eröffnung im Jahr 2009 ist Skinflint unglaublich schnell gewachsen. Heute gilt die Firma als eine beliebte Anlaufstelle für internationale Innenarchitekt*innen und Vintageliebhaber*innen, die nach einer gewissen Aura von Authentizität und Funktionalität suchen, um ihre Projekte von kurzlebigen Trends abzuheben. Nachdem wir bereits so viel über Skinflint gehört hatten, mussten wir Sophie unbedingt selbst kennenlernen. Wir  sprachen über ihr Projekt, das sich aus einer persönlichen Leidenschaft zu einer erfolgreichen Geschäftsidee entwickelt hat.

 

Wava Carpenter: Wie und wo finden Sie die Leuchten, die Sie restaurieren?

Sophie Miller: Wir haben uns mit den Jahren ein gutes Netzwerk im Abrissgewerbe aufgebaut. Firmen, die an verfallenen Gebäuden arbeiten, kontaktieren uns oft selber. Das Thema Recycling ist heute präsenter denn je. Wir halten ständig Ausschau danach, wo gerade Gebäude saniert werden, damit die Lampen nicht auf der Mülldeponie landen!

WC: Einige Ihrer Leuchten sind um die hundert Jahre alt. Mussten Sie zu Beginn erst einmal die Beleuchtungstechnologien und Materialien von früher studieren, um sie wiederzubeleben zu können?

SM: Das Ganze ist ein fortlaufender Prozess und wir lernen eigentlich nie aus. Uns begegnen immer wieder Lampen von Herstellern, die wir noch nicht kennen. Und wenn das passiert, versuchen wir so viele Informationen wie möglich zu sammeln.

Außerdem haben wir ein Archiv mit alten Beleuchtungskatalogen und weiterer Fachliteratur angelegt, das wir zu Rate ziehen. In einigen Katalogen findet man sogar noch die ursprünglichen Preise. Diese kann man auf den heutigen Gegenwert umrechnen – überraschenderweise entsprechen unsere Preise den ursprünglichen.

Die alte Mechanik, mit der eine bestimmte Lampe betrieben wird, wechseln wir komplett aus. Die Rohmaterialien werden dann recycelt und die Leuchten mit moderner, umweltfreundlicher Elektrik ausgestattet. 

Die Restaurationswerkstatt von Skinflint Foto © Skinflint WC: Wie haben Sie sich dieses Wissen und Ihre Expertise angeeignet?

SM: Chris hat einen beruflichen Hintergrund als Produktdesigner für Beleuchtung und hat früher für renommierte Unternehmen wie iGuzzini und Isometrix in London gearbeitet. Ich war als künstlerische Leiterin und Stylistin für Film und Fernsehen tätig. Schöne Objekte und ganz besonders Beleuchtung haben uns schon immer fasziniert. Über die Jahre haben wir einfach mehr und mehr dazugelernt. Wir haben von Anfang an unserem Bauchgefühl vertraut und lieber an Lampen gearbeitet, die uns etwas bedeuten, anstatt einfach Trends zu folgen.

WC: Worin liegt Ihrer Meinung nach der entscheidende Unterschied zwischen den Leuchten von heute und den alten, denen Sie neues Leben einhauchen?

SM: Im Bereich Beleuchtung ist heutzutage alles erlaubt. Es gibt natürlich Produktdesigner*innen, die mit Sorgfalt und Respekt klassische Produkte entwerfen, in die es sich zu investieren lohnt und an denen man sich über viele Jahre erfreuen kann. Es gibt aber auch Lampen von manchen Großunternehmen, die auf Trends maßgeschneidert sind und nicht besonders lange halten.

Die Leuchten, an den wir arbeiten, wurden produziert bevor man etwas über geplante Obsoleszenz wusste. Wenn man zu Beginn des 20. Jahrhunderts in ein Möbelstück investierte, ging man davon aus, dass es einen selbst überlebt und man es irgendwann an seine Kinder weitergeben kann. Sofern die Lampen in den verlassenen Gebäuden nicht stark beschädigt wurden, versagt lediglich ihre veraltete Elektrik – und das auch nur, weil die Technologie inzwischen besser und effizienter geworden ist.

Skinflints Riffelglas-Kugeln aus den 1960ern im Londoner Groucho Club Foto © Groucho Club WC: Wie würden Sie Ihre Kundschaft beschreiben?

SM: Unsere Kund*innen sind wirklich ganz unterschiedlich – von Großprojekten, für die ein*e Innenarchitekt*in eine große Anzahl unserer Leuchten bestellt, bis hin zu privaten Kund*innen, die ein besonderes Objekt für ihre erste Wohnung suchen. Aber wir alle haben etwas gemeinsam: wir lieben schöne Dinge, sorgen uns um unsere Umwelt und interessieren uns für die Geschichte und Tradition hinter diesen Leuchten.

WC: Gibt es innenarchitektonische Projekte, auf die Sie besonders stolz sind?

SM: Oh, das ist eine schwierige Frage – es gibt so viele! Ich mag unsere Objekte aus Opalglas sehr und finde es immer wieder spannend zu sehen, wie Innenarchitekt*innen sie einsetzen. Momentan gefällt mir besonders das Restaurant Padella auf dem Borough Market in London, wo man tschechische Glasleuchten in den Fenstern bestaunen kann. Und im Groucho Club erleuchten Kugeln aus Riffelglas wunderschön den dunkelgrünen Barbereich. Fran Bakers Küche mag ich auch sehr. Dort sorgen unsere geschliffenen Glaskugeln über der Kücheninsel für familiäres Flair. Oh, und was Plain English mit einigen unserer Produkte gemacht hat, ist einfach umwerfend – besonders die Bibliothekleuchten von Holophane aus den 1920ern in Kombination mit den Osea und Spitalfields Serien.

Skinflints restaurierte Chemiefabrikleuchte des Herstellers Holophane, eine medizinische Lampe von Perihel und Fabrikhängeleuchten aus dem Ostblock Foto © Skinflint WC: Über welche Fundstücke haben Sie sich besonders gefreut?

SM: Für mich sind die Geschichten besonders wichtig. Einige der Objekte, die von Plain English in letzter Zeit eingesetzt wurden, faszinieren mich. Die wunderschönen frühen Holophane-Leuchten wurden vor einigen Jahren von einem Bauunternehmen unter einer Zwischendecke aus den 1960ern entdeckt. Damals war es wohl einfacher und billiger, die ursprüngliche Decke einfach zu versiegeln anstelle die Leuchten abzuhängen – aber wir konnten sie retten!

Die marineblauen Emailleschirme, die bei der Renovierung einer ungarischen Fabrik zum Vorschein kamen, sind auch sehr schön. Sie waren tatsächlich nie in Gebrauch und wurden in einem Lagerraum in ihrer Originalverpackung gefunden. Die Kisten selbst waren leider in keinem besonders guten Zustand, sonst hätten wir sie wiederverwenden können.

Ich freue mich auch immer wieder, ein Exemplar der Perihel Sun Lamp zu finden. Uns sind schon die unterschiedlichsten Ausgaben begegnet und bisher war keine wie die andere. Es ist zwar nicht ganz leicht, sie zu Schreibtischlampen umzubauen, aber sie sind einfach außergewöhnlich und geschichtlich gesehen unheimlich interessant. Die Sunlamp ist äußerst selten, aber glücklicherweise begegnen uns ein bis zwei pro Jahr.

WC: Was schätzen Sie an Vintage-Leuchten besonders?

SM: Klassisches, technisch ausgereiftes Design.

WC: Welche Lampe würden Sie gerne noch finden?

SM: Immer die nächste! Das spornt uns an.

 

  • Text von

    • Wava Carpenter

      Wava Carpenter

      Seit ihrem Studium in Designgeschichte an der Parsons School of Design hatte Wava schon in vielen Bereichen der Designkultur den Hut auf: sie lehrte Designwissenschaft, kuratierte Ausstellungen, überwachte Auftragsarbeiten, organisierte Vorträge, schrieb Artikel und erledigte alle möglichen Aufgaben bei Design Miami. Wava lässt den Hut aber im Büro – auf der Straße bevorzugt sie ihre Sonnenbrille.
  • Übersetzung von

    • Hanna Komornitzyk

      Hanna Komornitzyk

      In ihrer Freizeit widmet sich Hanna den neusten US-Serien, langen Laufrunden an der Spree und dem kulturellen Leben Berlins. Ihre erste große Liebe war die Kunst, dicht gefolgt von SciFi und Arthouse-Filmen, Indie und Alternative, Bauhaus und Grafikdesign. Neben dem Übersetzen findet sie Entspannung vor allem im Web, wo sie stundenlang imaginäre Wohnräume mit minimalistischer, leicht verträumter Designerware einrichtet. Hanna ist in der westfälischen Provinz aufgewachsen und kam für einen Master in English Studies nach Berlin.

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