Hans J. Wegner und sein überwältigendes Vermächtnis


Die Geschichte einer Legende

Von Gretta Louw

Im Vitra Design Museum eröffnete Anfang März eine Hans J. Wegner gewidmete monographische Ausstellung. Sie rückt die Vielfalt der bahnbrechenden Designs des legendären dänischen Designers in den Blickpunkt: der Peacock Chair (1947), der Wishbone Chair (1950), der Round Chair (1950)... die Liste ist fast endlos. Wir nutzen diese passende Gelegenheit, um in Wegners Vermächtnis einzutauchen und uns noch einmal genau anzusehen, worauf sein Kultstatus beruht.

Wegner wurde  in einem Ort namens Tønder im Süden Dänemarks geboren – sein Vater arbeitete dort als Schuster – und wuchs in überraschend bescheidenen Verhältnissen auf.  Er war bereits auf bestem Weg, in die kaufmännischen Fußstapfen seinen Vaters zu treten, als er als junger Teenager eine Lehre bei einem Tischler im Ort begann. Schnell wurde klar, dass der junge Wegner eine besondere Affinität zur Arbeit mit Holz hatte. Nach dem Wehrdienst zog er nach Kopenhagen um dort an der Designschule der Akademie der Künste zu studieren. Dort entdeckte er die aufkommende, dynamische Designszene Kopenhagens für sich. Über die jährliche Möbelausstellung der Zimmermannsgilde fand er Anschluss an einen kreativen Kreis, zu dem bekannte Designer wie Finn Juhl, Johannes Hansen, A.J. Iversen und Kaare Klint – der Vater des modernen dänischen Möbeldesigns – gehörten.

1940 zog Wegner nach Aarhus, die zweitgrößte Stadt die Dänemarks an der Küste Jütlands. Er begann dort, mit den Architekten und Designern Erik Møller, Flemming Lassen wie auch Arne Jacobsen zusammenzuarbeiten und so kam auch sein erster großer Erfolg. Jacobsen war mit Design und Bauarbeiten des neuen Rathauses in Aarhus beauftragt worden. Das Rådhus, wie es im Dänischen heißt, wurde 1941 auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs fertiggestellt; eine ziemlich beeindruckende Meisterleistung für eine Stadt, die zu dieser Zeit von den Nazis besetzt war. Wegners Arbeitsweise passte perfekt zu Jacobsens Detailgenauigkeit. Zusammen entwarfen sie fast alle Möbelstücke des Rathauses.

Trotz Krieges und Besatzung war diese Zeit für Wegner einer der produktivsten; bereits damals machte er sich unter den skandinavischen Modernisten einen Namen. Der J16 Rocking Chair (1940) – seine erste Arbeit, die en Masse produziert wurde – war Teil der frühen Kampagnen von Børge Mogensens, die den neuen modernistischen Ansatz für breitere Kreise zugänglich machte. 1944 entwickelte Wegner eine neue Reihe von Stühlen, die von Relikten aus der chinesischen Ming Dynastie inspiriert waren. Die China Chairs zeigen Wegners expressive Umsetzung der Holzarbeit, sein außergewöhnliches Verständnis für das Tischlerhandwerk und sein unglaubliches Talent für das, was später als „skulpturaler Funktionalismus“ bezeichnet wurde. Dieser Zweig der modernistischen Bewegung stand für eine ästhetische Übereinkunft von Form und Funktion; man ging davon aus, dass die besten Designs immer auch großartige Skulpturen sind. Die legendären, fließenden Linien des Wishbone Chairs – der zu der Serie China Chairs gehört und ein gutes Beispiel für den skulpturalen Funktionalismus ist – entstanden durch ein neues Dampfbiegeverfahren, mit dem Massivholz geformt werden konnte, was für diese Zeit vollkommen revolutionär war. Die Arbeit zählt heute zu einer der erfolgreichsten in Wegners Karriere und wird seit 1950 ununterbrochen von Carl Hansen & Søn produziert.

Der einflussreiche MoMA Kurator Edgar Kaufmann Jr. mit seiner Hand auf Wegners Round Chair in der Good Design Ausstellung, 1951-52 Foto © Museum of Modern Art Archives, New York. IN494.12 Nach allgemeiner Annahme war es aber der Round Chair, der Wegner seinen Platz im Designpantheon sicherte. Die Tatsache, dass er heute einfach The Chair genannt wird, verdeutlicht Wegners immensen, nachhaltigen Einfluss auf das Möbeldesign. Es heißt, Wegner habe bezüglich dieses Designs gesagt: „ein Stuhl darf keine Rückseite haben; er muss von allen Seiten schön sein.“ Die Rundungen der Rückenlehne und die halbmondförmigen Armlehnen sind wunderschöne Holz- und Tischlerarbeit. The Chair war 1950 auf dem Cover der amerikanischen Zeitschrift Interiors, welche ihn als „den schönsten Stuhl der Welt“ bezeichnete. Zwischen 1951 und 1952 zeigte ihn das Museum of Modern Art als Teil seines beliebten Programms Good Design. Er wurde bekanntlich 1960 bei den TV-Debatten zwischen Nixon und Kennedy während des Wahlkampfs für die Präsidentschaft eingesetzt. In den 1960er Jahren wurde The Chair von Auszeichnungen, Preisen und Ehrungen überflutet; es war die Ära, in der skandinavisches und besonders dänisches Design international Ruhm erlangten.

Im Laufe seiner außergewöhnlich produktiven Karriere, die sich über die gesamte zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts erstreckte, entwarf Wegner mehr als 500 Stühle. Seine Vorstellungskraft schien keine Grenzen zu kennen und er nutzte sie, um Materialien nicht nur seinem Willen zu beugen, sondern auch dem Lauf der Zeit anzupassen. Es ist verblüffend, dass zwischen dem Valet Chair (1953) und dem Three Legged Shell Chair (1963) lediglich ein Jahrzehnt liegt – ersterer gehört zweifellos einem früheren und formelleren Zeitalter an, in dem Gentlemen makellose Dreiteiler trugen, während letzterer mit seinem außerordentlich futuristischen, stromlinienförmigen Design sich ganz klar in den Space Age einreiht. Tatsächlich war der Three Legged Shell Chair seiner Zeit so voraus, dass er bei seinem Debüt auf der Möbelausstellung der Zimmermannsgilde eher lauwarm aufgenommen und die Produktion schon nach kurzer Zeit wieder eingestellt wurde. Den gebührenden Respekt erlangte der Stuhl schließlich 1998, als er bei Carl Hansen & Søn in Neuauflage erschien.

Wegners Three-Legged Shell Chair, 1963 Foto © Jürgen Hans; mit freundlicher Genehmigung des Vitra Design Museums Für den Designer selbst war Berichten zufolge jedoch der Ox Chair (1960) der erklärte Liebling unter all seinen Kreationen. Der Armlehnenstuhl mit Ottomane aus Leder und verchromtem Stahl nimmt spielerisch das Motiv des Stiers auf, das in Picassos künstlerischem Werk immer wieder auftaucht. Mit Ox Chair zeigte Wegner auf seine Art, dass modernistisches Design, wie er selbst es formulierte, nicht immer so „schrecklich ernst“ zu sein braucht.

Wegners Arbeiten sind in den bedeutendsten Designsammlungen der Welt vertreten, vom Museum of Modern Art in New York bis hin zur Neuen Sammlung in München und dem Centre Pompidou in Paris — und natürlich dem Vitra Design Museum. Neben den zahlreichen Preisen, die Wegner noch während seiner Karriere erhielt, bekam er für sein Lebenswerk und dessen designgeschichtliche Bedeutung darüber hinaus einen Ehrendoktor des Royal College of Art in London und im Jahr 1997 den 8. International Design Award. Auch wurde er 1995 zu einem Ehrenmitglied der Royal Danish Academy for the Fine Arts ernannt. Im Jahr 1993 eröffnete in Wegners Heimatstadt Tønder ein Museum, das sich seinem Schaffen widmet.

Abgesehen von diesen Auszeichnungen erscheint es in Anbetracht von Wegners ungebrochener Leidenschaft für kreatives Schaffen sehr wahrscheinlich, dass die andauernde Beliebtheit seiner Designs diesen Gigant des dänischen Designs am meisten gefreut hätte. Der nach wie vor beständige Markterfolg seiner Arbeiten zeugt von ihrer einmaligen Qualität, Unvergänglichkeit und Funktionalität. Die schiere Bandbreite und Diversität seines Oeuvres sichert nicht nur, dass in Wegners Repertoire für jeden Designliebhaber etwas dabei ist, sondern auch, dass sein ästhetischer und handwerklicher Perfektionismus niemals aus der Mode kommen wird.

Hans J. Wegner: Designing Danish Modernist ist bis zum 3. Juni 2018 im Vitra Schaudepot auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein zu sehen.

  • Text von

    • Gretta Louw

      Gretta Louw

      Die multidisziplinäre australische Künstlerin Gretta wurde in Südafrika geboren und lebt zurzeit in Deutschland. Sie ist Sprachenthusiastin und Weltenbummlerin, hat einen Abschluss in Psychologie und eine große Vorliebe für die Avantgarde.
  • Übersetzung von

    • Hanna Komornitzyk

      Hanna Komornitzyk

      In ihrer Freizeit widmet sich Hanna den neusten US-Serien, langen Laufrunden an der Spree und dem kulturellen Leben Berlins. Ihre erste große Liebe war die Kunst, dicht gefolgt von SciFi und Arthouse-Filmen, Indie und Alternative, Bauhaus und Grafikdesign. Neben dem Übersetzen findet sie Entspannung vor allem im Web, wo sie stundenlang imaginäre Wohnräume mit minimalistischer, leicht verträumter Designerware einrichtet. Hanna ist in der westfälischen Provinz aufgewachsen und kam für einen Master in English Studies nach Berlin.

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