Guten Appetit


Die Londoner Food-Designerin Francesca Sarti braut ein neues Projekt für Disegno und Gaggenau zusammen

Von Wava Carpenter

Ernährung und Zeit sind Themen, die heutzutage einen immer größeren Stellenwert im kulturellen Leben einnehmen. Das Tempo unseres Alltagslebens - so jedenfalls der breite Kanon - scheint sich zu beschleunigen. Die häufigste Entschuldigung in westlichen Sphären ist hierbei sicherlich: „Ich bin einfach zu beschäftigt!“. Zeitgleich haben sich quasi als Antwort auf das unerbittliche Effizienzstreben (und auf dessen negative Auswirkung auf unsere Lebensqualität) etliche ernährungsbedingte Bewegungen wie Öko, Slow-Food oder das „From Farm to Table“-Prinzip (also vom Erzeuger direkt auf den Tisch der Verbraucher) und weitere herauskristallisiert. Nebenbei ist zudem die Bedeutung von Achtsamkeit und ethischen Lebensstandards gestiegen. Viele von uns suchen nach Wegen, die zurück zu den wesentlichen Dingen des Lebens führen.

Unsere Freunde vom Disegno Magazin haben in Zusammenarbeit mit Gaggenau, einer Marke für Küchenutensilien, und dem Food Design Studio Arabeschi di Latte kürzlich die besagte Problematik, die unbestritten den Nerv der Zeit trifft, aufgenommen und das mit einem wunderschönen Ergebnis. Das passend benannte Food and Time Projekt beinhaltet eine Reihe an Rezepten und Bildern, die uns dazu inspirieren sollen etwas kürzer zu treten und darüber nachzudenken, was unseren Körper und Geist beflügelt.

Wir haben uns mit der Gründerin von Arabeschi di Latte, Francesca Sarti, einer langjährigen, bahnbrechenden Food-Designerin getroffen, um herauszufinden ob und wie Design Thinking für eine bewusstere Ernährung nützlich sein kann. In den letzten 15 Jahren war Sarti stetig damit beauftragt, performative, interaktive Events und Installationen für Triennale Design Museum, Tom Dixon, Veuve Clicquot, Selfridges, Zegna, Molteni, das New York Times Style Magazine, Bitossi, und andere zu kreieren. Um weitere schmackhafte Einblicke in ihre Arbeit zu erhalten sowie einige köstliche Rezepte kennenzulernen, lest einfach hier weiter.

 

Francesca Sarti © Arabeschi di Latte WC: Das interdisziplinäre Feld des Food-Designs ist eines der wachstumsstärksten Contemporary Design Praktiken des letzten Jahrzehnts. Könnten Sie, für die Neulinge unter uns, eine kurze Zusammenfassung der Entstehung geben und auch erläutern, warum es auf ein so großes Interesse stößt?

FS: Die Bedeutung des Begriffs “Food Design” hat sich in dem letzten Jahrzehnt sehr verändert. Als ich Arabeschi di Latte 2011 gründete, wurde der Begriff noch mit der Lebensmittelindustrie und dem Design von industriellen Lebensmitteln assoziiert. Ich hingegen habe den Begriff eher mit Erfahrung, Interaktion und Beziehungen verbunden. Mit Arabeschi di Latte versuchte ich diesen binomialen Zustand umzuformen, indem ich interaktive Erfahrungen kreierte und Lebensmittel nutzte, um soziale Trends und Verhältnisse, Gewohnheiten und weltweite Rituale zu erforschen; um ein Statement zu setzen und nicht unbedingt Produkte zu herzustellen. Immer mehr Designer, Künstler und Architekten entdecken heute das Thema „Lebensmittel“ für sich und somit entwickelt sich das Food-Design schnell weiter. Ich denke der Grund dafür liegt in der dualen Natur von Lebensmitteln: Es ist etwas wahrhaft Notwendiges und gleichzeitig etwas, das sich in Kulturen, Traditionen und Genüssen wiederfinden lässt.

WC: Wie verbessern sich Lebensmittel- oder unsere Beziehung zu Lebensmitteln durch das Food-Design?

FS: Lebensmittel sind ein unglaublich starkes Kommunikationsmedium. Sie eignen sich ausgezeichnet zum Geschichtenerzählen und um Ideen in einer unmittelbaren und effektiven Weise auszudrücken. Deswegen denke ich, dass Food-Design helfen kann, ein Bewusstsein für verschiedenste Themen zu schaffen; und wichtige Aussagen treffen kann, die Menschen dazu bewegen, die Qualität der Lebensmittel sowie des Lebens zu verbessern. Ich sehe das Food-Design als eine Form von Aktivismus.

Lebensmittel sind ein unglaublich starkes Kommunikationsmedium. Sie eignen sich ausgezeichnet zum Geschichtenerzählen und um Ideen in einer unmittelbaren und effektiven Weise auszudrücken. WC: Wie bezieht sich Ihre Arbeit auf die Slow-Food Bewegung?

FS: Ich teile die meisten der Slow-Food Prinzipien und denke, die Bewegung sollte in Zukunft mehr mit Designern zusammenarbeiten, um wesentliche Problematiken aus einem anderen und unerwarteten Blickwinkel zu betrachten, der interessante Lösungsvorschläge aufweisen könnte.

WC: Wie steht Ihre Arbeit zu traditionellen Design-Praktiken, z.B. der Produktgestaltung?

FS: Ich denke, der Kreativprozess ist anderen Sparten des Designs sehr ähnlich, nur dass Lebensmittel ihre eigenen Besonderheiten aufweisen. Erstens, wie schon erwähnt, sind Lebensmittel notwendig, vorrangig und weisen viele kulturelle und die Sinne anregende Implikationen auf. Zudem zwingt uns ihre vergängliche Natur einen wichtigen Faktor zu beachten: die Zeit.  

WC: Können Sie uns mehr über Ihr gegenwärtiges Projekt mit Disegno und Gaggenau verraten?

FS: Da ich die subtile und suggestive Beziehung zwischen Lebensmitteln und der Vergänglichkeit als eines der wesentlicheren Merkmale ansehe, dachte ich, es wäre ein gutes Thema, um es mit Disegno/Gaggenau zu behandeln. Oftmals verformt, transformiert, beeinträchtigt oder verändert die Zeit das Erscheinungsbild der Lebensmittel ohne zwangsläufig die natürlichen Eigenschaften zu verändern. Ein Reifeprozess kann Tage dauern; kochen und toasten dauert Minuten; während das Braten Stunden dauern und die Vergärung sogar Monate beanspruchen kann. Momente, Stunden, Tage, Wochen, Jahre oder sogar nur einige Sekunden – Zeit kann Lebensmittel einzigartig definieren.

WC: Woran arbeiten Sie als Nächstes?

FS: Nach der Zusammenarbeit in Mailand mit The Restaurant, das von Tom Dixon designt wurde, werde ich weiter an dem “vier Elemente“-Motiv für Caesarstone arbeiten und nebenbei zahlreiche Beratungen, Sonderveranstaltungen und Workshops betreuen. Ich werde auch ein neues Projekt rund ums Wasser entwickeln, das bei der Ocean Water Bar, die ich letzten Sommer für Selfridges kreiert habe, anknüpft. Weiterhin werde ich meine geliebten Nachforschungen zu Lebensmitteln, Frauen und Ermächtigung fortsetzen. Ich sammle viele interessante Geschichten und hoffe sie in irgendeiner Form zur rechten Zeit teilen zu können.

Vielen Dank Francesca! Hier sind einige ihrer Rezepte aus Food and Time:

Gären—Apfelwein

Dieses Rezept in eine Variation von Met, einem der ältesten fermentierten Getränken der Welt. Der Zucker reagiert mit der Hefe und wird mit der Zeit zu Alkohol. Während des Prozesses steigen Luftbläschen auf.

Zutaten



7 l Wasser
500 g weichen braunen Zucker
500 g weißen Zucker

4 Äpfel, gestückelt
1 Zitrone, mit der Schale in Würfel geschnitten
1/2 TL getrocknete Hefe

eine Handvoll Rosinen

Die beiden Zucker zum Wasser geben und aufkochen lassen. Sobald sich der Zucker aufgelöst hat, vom Herd nehmen. Die gewürfelte Zitrone und die Apfelstücke dazugeben. Die Mixtur bis zur Raumtemperatur abkühlen lassen und die Hefe dazugeben. Die Flüssigkeit zusammen mit der Zitrone, den Äpfeln und einer Handvoll Rosinen in eine weit mündige Glasflasche gießen. Die Flasche an einem kühlen Ort aufbewahren und erst öffnen, wenn die Rosinen an die Oberfläche kommen - nach ungefähr drei Tagen.

  

Reifen— Aromatisches Labneh

Labneh hat seinen Ursprung im Nahen Osten, wo der weiche Käse einfach zuhause zubereitet werden kann, indem man griechischen Joghurt in einem Tuch reifen lässt. Während des Reifeprozesses sickert Wasser durch das Tuch und wird als Zeitmaß genutzt: Jeder Tropfen wird als Sekunde gezählt. Der Käse ist essbar, wenn die Tropfen unregelmäßig werden und letztlich aufhören.

Zutaten

1 kg griechischer Joghurt
1 TL Meersalz
1 ausgekratzte Vanilleschote
Olivenöl
frische, fein gehackte Basilikumblätter
1 geriebene Zitronenschale (unbehandelt)

Ein Sieb mit doppelseitigem Mulltuch auslegen und über eine Schüssel platzieren. Den Joghurt mit dem Meersalz und der Vanille vermischen. Den Joghurt in das Mulltuch legen, und wie einen Beutel zusammen knoten. Den Beutel mit Küchenzwirn im Kühlschrank anbringen und über die Schüssel hängen. Für 24 bis 48 Stunden abtropfen lassen, und den Beutel dabei ein paar Mal täglich zusammendrücken. Das Labneh aus dem Tuch rollen zerkleinern und mit feuchten Händen zu einer oder mehreren Kugeln formen. Die Kugeln in den zerkleinerten Basilikumblättern und der geriebenen Zitronenschale rollen. Ein sterilisiertes Glas oder einen Krug (1,5l) mit etwas Olivenöl füllen und die Kugeln verteilen. Nach und nach mehr Öl zu gießen, sodass die Kugeln nicht aneinander kleben. Die Kugeln komplett mit dem Öl bedecken. Für zwei Tage im Kühlschrank ruhen lassen. Die Labhne halten bis zu zwei Wochen im Kühlschrank.

Für mehr Arabeschi di Latte’s Rezepte, besucht Disegno.

  

* Fotos von Michael Bodiam mit freundlicher Genehmigung von Disegno.

 

  • Text von

    • Wava Carpenter

      Wava Carpenter

      Seit ihrem Studium in Designgeschichte an der Parsons School of Design hatte Wava schon in vielen Bereichen der Designkultur den Hut auf: sie lehrte Designwissenschaft, kuratierte Ausstellungen, überwachte Auftragsarbeiten, organisierte Vorträge, schrieb Artikel und erledigte alle möglichen Aufgaben bei Design Miami. Wava lässt den Hut aber im Büro – auf der Straße bevorzugt sie ihre Sonnenbrille.

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