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Autorin, Editorin und Kuratorin Annalisa Rosso schreibt das nächste Kapitel der Designgeschichte


Die Futuristen—Teil 2

Von Wava Carpenter

Zur Feier der 2017er Ausgabe des Salone del Mobile – und während die Design-Community gespannt erwartet, was es dieses Jahr Neues gibt – stellt Pamono in dieser 5-teiligen Serie, aufstrebende Stimmen vor, die neue Denkanstöße im Design versprechen. Für den zweiten Teil unserer Serie besuchen wir die italienische Autorin, Editorin und Kuratorin Annalisa Rosso.

 

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Im letzten Jahr, als sie das vergangene Turin Design Festival Operae plante, verfasste die italienische Autorin und Kuratorin ein Manifest – ein Vorgehen, welches in diesem Jahrhundert bei weitem nicht so üblich ist wie noch im vorherigen Jahrhundert. Doch als langjährige, aktive Akteurin im zeitgenössischen Design-Diskurs stellte sie scharfsinnig fest, dass dieser Moment großer Veränderungen einiger gründlicher Überlegungen darüber bedurfte, was wir in naher Zukunft in der Designwelt erreichen wollen. Einführend zu ihren philosophischen, zehn Punkte umfassenden Richtlinien, die gleichermaßen an die Teilnehmer des Operae Festivals wie auch an die internationale Design-Community gerichtet waren, schrieb sie: „Es ist unbestreitbar, dass Designer eine Schlüsselrolle in den Feldern der Innovation, Kommunikation und Nachhaltigkeit innehaben. Es sollte aber auch anerkannt werden, dass sie eine ebenso wichtige Position in den Bereichen der Bildung, Ethik, Gesundheit und sozialer Gerechtigkeit einnehmen.“

Rossos gleichermaßen kühner wie erkenntnisreicher Vorstoß, unsere Arbeit mutigerweise als politisches Engagement anzusehen, traf den Nerv der Zeit in vielerlei Hinsicht. Seit Jahren suchten zeitgenössische Designer nun schon nach neuen Geschäftsmodellen, da ihnen klar wurde, dass die Definitionen des 20. Jahrhunderts zum Thema Designpraktiken schlichtweg nicht mehr zutreffen. Seinen Lebensunterhalt als Designer zu bestreiten, ist zu einem Glücksspiel geworden, bei dem man die unvorhersehbaren Vor- und Nachteile der Massenproduktion gegenüber der Eigenherstellung,  des Eigenhandels gegenüber Galerien gegenüber Internetplattformen und des Einsatzes neuer Technologien gegenüber traditioneller Handwerkskunst abwägen muss. Individuell muss man sich entscheiden, welcher persönliche Pfad eingeschlagen wird, je nachdem welche Möglichkeiten sich bieten – oder auch nicht. Über den geschäftlichen Aspekt von Design hinaus, prägen globale humanitäre Krisen sowie der Aufschwung nationalistischer Tendenzen und politisches Chaos die aktuelle Weltlage. Je nachdem in welche Richtung man blickt, kann man zu dem Schluss kommen, dass soziale und zivile Gerechtigkeit zunehmend aus der Mode gekommen sind. Rossos Worte aber vermitteln das Gegenteil: Im Angesicht des aktuellen Zustands der Unsicherheit, muss sich jeder von uns ganz klar entscheiden, wem er helfen oder wem er schaden will - eine neutrale Haltung gibt es nicht mehr. Jeder macht sich entsprechend verantwortlich. 

Poster für die 2017 Designparade in Hyères, bei der Annalisa Rosso eine der Juroren war Seit 2006 schreibt Rosso für internationale Magazine wie Elle Decor Italy, Corriere della Sera Living, Casa Vogue Brasil, Elle Decoration NL und Wohnrevue. Sie schrieb auch einen wundervollen Text über Carlo Mollino for Pamono

Ihre kuratorischen Projekte wurden im Ventura Lambrate, Spazio Orlandi und Pitti Immagine gezeigt. Sie ist außerdem regelmäßiger Gast der aufregendsten Events der internationalen Designszene, wo sie konzentriert über die letzte Beijing Design Week, Dutch Design Week in Eindhoven, Downtown Design in Dubai oder ICFF in New York sowie weiteren nachdenkt. Allein in diesem Jahr hat sie schon viel auf die Beine gestellt, wie beispielsweise LOVE•&•HATE, eine kleine Ausstellung in Mailand, co-kuratiert von Schmuckdesignerin Valentina Romen, die den Fokus auf unerwartete Materialien und neue Ästhetiken legt. Zudem war sie Jurymitglied der jungen Designer Ausstellung bei der Design Parade 2017 in Hyères; und hat unter dem Titel Design Connections bei dem TEDx Talk in San Giovanni in Persiceto über  Wechselwirkungen im Design gesprochen. Ihr großer Erfolg mit Operae 2016 lässt vermuten, dass wir auch zukünftig viel von Annalisa Rosso hören werden.

Am Vorabend des Salone del Mobile 2017 haben wir uns mit Rosso getroffen, um mehr über ihre Meinung zur heutigen Designlandschaft und ihrer hoffnungsvollen Vision zur Zukunft des Designs zu erfahren.

 

WC: Wie würdest du den aktuellen Stellenwert von Design beschreiben und in welche Richtung, glaubst du, entwickelt es sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren?

AR: Wir wissen, dass Design überall ist. Das ist ein Zeichen unserer Zeit. Aber etwas, das meiner Meinung nach das Momentum besonders gut kennzeichnet, ist die Zusammenarbeit zwischen Designern und anderen Disziplinen – Biowissenschaften, Ingenieurwesen, Wirtschaft, usw. -, die neue Grenzen aufzeigt, die es zu überschreiten gilt. Wir werden die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit schon in naher Zukunft erleben und die Überschneidungen zwischen verschiedenen Bereichen werden sicher noch häufiger werden. Ich wünsche mir eine neue Generation von Problemlösern, die nicht nur daran interessiert sind individuelle Produkte zu entwickeln, sondern auch zu einer inklusiven, fairen und globalen Perspektive beitragen.

WC: Was glaubst du, sind die Bedürfnisse der zeitgenössischen Designwelt und ihrer Akteure und welche Rolle möchtest du dabei spielen um diese Bedürfnisse zu stillen?

AR: Mit großer Macht kommt große Verantwortung, daher glaube ich, dass die zeitgenössische Designwelt vor allem den Mut braucht, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ich würde gerne meinen Teil zur Verbreitung und Vervielfältigung der Designkultur beitragen, und zwar ohne irgendetwas als gegeben hinzunehmen, sondern viel mehr um Dinge von Grund auf neu zu denken. Mein Hauptziel ist es den Status Quo von Design zu definieren und herauszufordern, indem ich so klar wie möglich schreibe und kuratiere, ohne das Thema dabei zu verknappen, so dass es für jeden verständlich ist und sich die Botschaft größtmöglich – auch unter Laien – verbreitet.

WC: Wie würdest du kritisches Design definieren, für jemanden, der sich in dem Bereich nicht auskennt?

AR: Ich würde sagen, dass kritisches Design mehr mit Denken zu tun hat als mit der Herstellung von Objekten – ein konzeptioneller Ansatz, der den Status Quo hinterfragt, indem er das Gespräch provoziert, Fragen stellt und Lösungen skizziert. Kritisches Design zielt darauf ab, die Grenzen der Konventionen zu erweitern und eine Debatte anzuregen, was im Übrigen sehr gesund ist, besonders heutzutage. Dank der Radical Design Bewegung – Memphis Group, AlchimiaCavart, Global Tools, usw. - haben wir in Italien eine gewisse Erfahrung in dieser Art zu denken. Ein politisches Bewusstsein und ein großer Sinn für Verantwortung gegenüber diesem historischen Moment sollten zusammen mit einer neuen Ästhetik wiederentdeckt werden.

WC: Wie sieht es mit der Notwendigkeit von Kritik am Design aus? Sähest du Verbesserungen im Designbereich, wenn es mehr seriöse, kritische Stimmen geben würde?

AR: Designkritiker brauchen mehr Unabhängigkeit, mehr Freiräume. Ein unabhängiger Kritiker kann eine fruchtbare Debatte anstoßen und viel mehr noch die Elite ansprechen, was dazu beiträgt, zu vermeiden, dass die Szene zu einem Durcheinander gerät.

WC: Kannst du uns ein bisschen von Operae erzählen – wie das Projekt entstand, wie es sich entwickelte, was du daraus gelernt hast?

AR: Operae ist eine unabhängige Designmesse, die während einer Woche in Turin stattfindet und der zeitgenössischen Sprache von Kunst, Grafikdesign, elektronischer Musik usw. gewidmet ist. Ich war die Kuratorin der letzten Ausgabe, Anfang November, mit dem Titel Designing the Future. Wir wählten eine Gruppe von 33 internationalen Designern aus, mit dem Fokus darauf, wie sich ihre Arbeiten auf die Zukunft auswirken werden. Zum ersten Mal wurde auch ein Bereich der Messe den zeitgenössischen Designgalerien gewidmet, zusammen mit zwei speziellen Projekten: Zaven's Trescentottanta: Appunti sull'antica Università dei Minusieri (Dreihundertundachtzig: Notizen zur altertümlichen Universität von Minusieri) und Piemonte Handmade, welches neue Perspektiven der Handwerkskunst vorstellte.

Es gab das starke Verlangen bei einigen unterschiedlichen Akteuren der Designwelt, Teil einer inklusiven, kollektiven Darstellung zu sein: eine artikulierte Debatte innerhalb der Community zu entwickeln. Und ich habe mit großer Freude entdeckt, dass Mut, Sensibilität und ein gewisser Sinn für Verantwortung – beinahe immer – ein integraler Bestandteil der Arbeiten neuer Design-Generationen sind. Ich denke, das ist die Richtung, in die wir uns bewegen.

WC: Was ist mit den Preisen für high-level oder high-concept Design? Es gibt so viele Befürworter innovativen Designs, die gleichzeitig nicht den Schritt wagen, die Stücke zu kaufen oder in sie zu investieren, weil der Preis unerreichbar scheint or es schlichtweg ein Missverständnis gibt. Kannst du uns deine Perspektive der Lage erklären?

AR: Ich würde tatsächlich eher von Missverständnissen sprechen als von unerreichbaren Preisen. Wir reden über Objekte, die nicht nur eine Funktion haben, professionell hergestellt wurden und eine Ästhetik ausstrahlen, viel mehr haben sie auch eine Geschichte und eine Bedeutung – sowohl vom Design als auch vom Konzept her. Wenn man sich ein Objekt dieser Art zulegt, wird man Teil des Forschungsweges, der Materialien, Technologien und Kultur umfasst. Es ist eine Frage der Gewohnheit und Bildung und ich denke, dass sich die Dinge aus diesem Blickwinkel schnell verändern. Für einen Sammler – und nicht nur für Sammler – kann der Kauf eines neuen Namens und die Neuentdeckung im Bereich des zeitgenössischen Design eine große Befriedigung und eine individualisierte Art des Besitzes mit sich bringen und dabei gleichzeitig günstiger und experimenteller sein, als der Kauf von Kunst oder Luxusmode.

WC: Kannst du einige Kollegen nennen, die du besonders schätzt, oder andere Parteien, die zeitgenössisches Design in einer Art und Weise fördern, die du für effektiv und nennenswert hältst?

AR: Ganz besonders verehre ich die Arbeit der unabhängigen Designkuratorin Maria Cristina Didero. Mit wirklicher Leidenschaft ist sie eine der besten Beobachterinnen der Designwelt, die ich je getroffen habe. Mehr noch geht ihr scharfer Blick keine Kompromisse ein. Ich bin auch beeindruckt von Martino Gamper’s freier Art zu denken, speziell In a State of Repair, sein Projekt, welches vor einigen Jahren Kunsthandwerker dazu versammelte, beschädigte Objekte während des Salone der Mobile vor dem La Rinascente Kaufhaus zu reparieren. Auch schätze ich die brillante Forschungsarbeit einer Reihe von Galerien wie Camp Design Gallery, Etage Projects, Victor Hunt, Maniera und Carwan Gallery.

WC: Worauf freust du dich beim diesjährigen Salone am Meisten?

AR: Ich freue mich vor allem auf die Überschneidungen mit den anderen Disziplinen. Die Arbeit von Snarkitecture, zum Beispiel, mit ihren architektonischen Ausmaßen in der Valextra Boutique in via Manzoni. Oder die kollektive Ausstellung Mindcraft, in diesem Jahr von Henrik Vibskow kuratiert und sehr nah an der Modewelt ausgerichtet. Und was die Verbindung von Industriedesign und Sammlerstücken angeht, kann ich es kaum abwarten, die neuen Lampendesigns von Celia-Hannes für Petite Friture zu sehen, deren Arbeiten ich aus derGreat Design Gallery in Paris kenne. Ich bin darüber hinaus immer an Projekten interessiert, die große Forschungsfortschritte aufzeigen – zum Beispiel erwarte ich, dass die Ideen, die für den Lexus Design Award entwickelt wurden, aufregend sein werden. Ich werde auch definitiv nicht Curating Beyond the Collection verpassen, ein Symposium, organisiert von der Design Academy, Eindhovens Topadresse in Bezug auf die Kuratierung von und das Schreiben über Design, mit Sprechern wie Paola Antonelli, Aric Chen, Matylda Krzykowski, Justin McGuirk und Alice Twemlow. Vor allem aber freue ich mich darauf, meine Ansichten mit einigen der brillantesten Köpfe der weltweiten Design Community zu vergleichen.

Annalisa Rosso, membre du jury de la Parade Design 2017 à Hyère. Photo © Jean Picon Und für den Fall, dass Sie es im November verpasst haben sollten, können Sie hier Rossos Designing the Future Manifest lesen:

Es ist notwendig, Entscheidungen zu treffen, um die Zukunft zu gestalten, was Gewissenhaftigkeit und Mut voraussetzt.

Dies bedingt in politischen Aktivitäten mit großer Achtsamtkeit Verantwortung zu übernehmen.

Wenn alles Design ist und jeder es herstellen kann, so stimmt es auch, dass nicht jeder ein Designer ist. Dazu braucht es spezielle Fertigkeiten.

Gute Designer müssen ein umfassendes allgemeingültiges Verständnis für die komplexe Struktur und das gesamte System haben, welches das Projekt umgibt.

Eine interdisziplinäre Herangehensweise bringt Designer dazu, mit Experten aus anderen Bereichen zusammenzuarbeiten und erweitert daher auch ihren Arbeitshorizont.

Es ist gefährlich zu vergessen, was bereits geschehen ist. Es ist notwendig, eine Brücke zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit zu bauen, um das Hier und Jetzt und seine Auswirkungen zu verstehen.

Die Geografie von Design wird nicht länger nur von Unternehmen und Produktionen bestimmt. Designschulen verleihen der Forschung einen endemischen Charakter. Die Landschaft hat wieder eine zentrale Rolle eingenommen, auch dank Materialien und Ressourcen.

Designer spielen eine Schlüsselrolle in der wissenschaftlichen und technologischen Revolution, in der wir leben.

Die Debatte ist entscheidend. Es ist notwendig, die richtigen Fragen zu stellen. Behalte eine kritische Attitüde und trage zur Verbreitung der Designkultur bei.

Menschen spielen dabei permanent eine lebendige Rolle. Design hat aufgehört der Industrie zu dienen. Es hat ethtische, soziale und kulturelle Auswirkungen. Auch wenn das nicht von vornherein etwas Positives bedeutet.

* Der erste Teil unserer Serie zu Futuristen portraitiert die Camp Design GalleryHalten Sie Ausschau nach weiteren Ausgaben dieser Serie, in denen wir einen Blick auf die Arbeit des Designkollektivs Form&Seek, auf die kuratorische Plattform Connection the Dots und auf die Galerie Broached Commission werden.

  • Text by

    • Wava Carpenter

      Wava Carpenter

      Seit ihrem Studium in Designgeschichte an der Parsons School of Design hatte Wava schon in vielen Bereichen der Designkultur den Hut auf: sie lehrte Designwissenschaft, kuratierte Ausstellungen, überwachte Auftragsarbeiten, organisierte Vorträge, schrieb Artikel und erledigte alle möglichen Aufgaben bei Design Miami. Wava lässt den Hut aber im Büro – auf der Straße bevorzugt sie ihre Sonnenbrille.

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