Ein Gespräch mit Monica Khemsurov & Jill Singer von Sight Unseen


Was gibt's Neues und was kommt als Nächstes?

Von Anna Carnick

Die New Yorkerinnen Monica Khemsurov und Jill Singer trafen sich das erste Mal vor über zehn Jahren, als beide als Redakteure beim ID Magazine arbeiteten. 2009 gründeten sie zusammen Sight Unseen, ein Online-Magazin für Design, welches sich mit den Trends des Contemporary Design befasst. Schnell wurde die Seite zur Inspirationsquelle für Designliebhaber auf der ganzen Welt. Obwohl sie Projekte von aufstrebenden, unabhängigen Designern aus aller Welt sammeln, hat sich dennoch ein klar definierter „Sight Unseen“-Stil entwickelt – bestimmte Farben, Formen und verschiedene Materialien könnten beeinflussen, wie die Welt in vielleicht 50 Jahren, auf die 2010er Jahre zurückblickt. In einer Zeit in der internationale Designer zunehmend unabhängig ihre eigenen Vorstellungen umzusetzen scheinen, gibt uns die Auswahl von Sight Unseen einen Sinn für eine größere, umfassendere Designbewegung.

Neben ihrer beliebten Seite betreuen Khemsurov und Singer auch eine Reihe an Shows und Events. Gerade erst haben die beiden Offsite, eine mittlerweile jährlich stattfindende Design Ausstellung, die in Verbindung mit der New Yorker Designwoche stattfindet, erfolgreich hinter sich gebracht. Auch wenn die beiden nach diesem Trubel noch erschöpft sind, haben sie sich die Zeit genommen, um sich mit uns zu unterhalten.

Anna Carnick: Was seht ihr als die Aufgabe von Sight Unseen?

Sight Unseen: Wir wollen, dass Leute durch uns die besten neuen Talente, Objekte, Materialien, Ideen, Trends, Technologien und Ansätze in den Bereichen Contemporary Design und bildende Kunst entdecken. Unser Fokus liegt vor allem auf unabhängigen Produzenten, die häufig interdisziplinär arbeiten und so traditionelle Grenzen verschwinden lassen. Dies bedeutet aber nicht, dass wir gegen traditionelleres Design sind. Gefällt uns zum Beispiel ein Stuhl von Konstantin Grcic für Vitra, dann präsentieren wir diesen ebenso gerne auf unserer Seite.

AC: Wie fing alles für Sight Unseen an?

SU: Es gab irgendwann den Zeitpunkt an dem wir beide wussten, dass wir uns von ID lösen müssen, um etwas Anderes auf die Beine zu stellen. Wir wollten zusammen an einem Projekt arbeiten, das wie eine Art Spielplatz für uns ist, auf dem wir uns austoben können und gleichzeitig noch mit den Sachen arbeiten können, die wir schon während unserer Arbeit für ID lieben gelernt hatten – neue Talente vorstellen und Hintergrundgeschichten über Prozesse und Inspiration erzählen. Schnell stellten wir fest, dass der beste Weg dafür ein Online-Magazin ist. Einen Monat nachdem wir ID verlassen hatten, entstand die Idee für Sight Unseen und nur sechs Monate später gingen wir online.

AC: Wie hat sich Sight Unseen seit 2009 entwickelt?

SU: Am Anfang war unsere Idee, dass wir uns ausschließlich auf die für Design bedeutenden Orte und Geschichten spezialisieren, die normalerweise für den durchschnittlichen Bürger nur schwer zugänglich sind. Dies ist immer noch unser Anliegen, aber mittlerweile haben wir unsere Herangehensweise gelockert und sind viel mehr daran interessiert, Neuheiten und Trends zu finden und zu präsentieren.Neben uns gingen auch eine Reihe weiterer Webseiten online, die ebenso wie wir auf Studiobesuche spezialisiert waren. Dennoch haben wir mit Sight Unseen genau das getan, was uns vorschwebte und sind immer unseren Instinkten und Vorstellungen gefolgt. Wenn sich unsere Vorstellungen ändern, dann ändert sich auch die Seite.

AC: Auf Sight Unseen findet man eine breite Auswahl an Designern und Innovatoren, dennoch ist eine bestimmte Ästhetik erkennbar. Wie würdet ihr diese beschreiben? Was verbindet den Stil oder andere Aspekte der Designer auf der Webseite?

SU: Wie gesagt, wir folgen immer unseren Instinkten. Schaut man also genauer hin, sieht man, dass unsere Ästhetik sich quasi als Antwort auf neue Materialien, neue Ideen oder je nach Gefühl versteht und verändert. Zusammengehalten wird alles durch unsere Liebe für klare, grafische Linien, Simplizität und Minimalismus, aber auch durch die gekonnte Vermischung von Materialien und Strukturen sowie durch den Gebrauch von ausdrucksstarken Farben und Formen. Wir mögen keinen Kitsch oder überkonzipierte und übertriebene Designs. Auch jegliche Form von Street Art löst bei uns keine große Begeisterung aus. Außerdem hassen wir es, wenn Leute versuchen Lösungen für Probleme zu finden, die gar nicht existieren, nur damit sie etwas Neues und Außergewöhnliches schaffen können - z.B. etwas erschaffen, das zwar auf clevere Art und Weise einen Bedarf anspricht, aber in Wirklichkeit nicht wirklich nützlich ist.

AC: Welche Trends gibt es zurzeit und welche begeistern euch am meisten?

SU: Material Blocking – das ist ähnlich wie Color Blocking, aber hier werden statt Farben Materialien vermischt. Außerdem lieben wir es, dass Designer ihre eigenen Materialien und Techniken entwickeln und so der Prozess statt die Funktion ihrer Stücke im Vordergrund steht. Und dann gibt es noch den Trend des „warmen Minimalismus’“

Anna Carnick: Die diesjährige Offsite Ausstellung wurde sehr gut aufgenommen. In welchen Punkten hat sich, Eurer Meinung nach, die diesjährige Ausstellung von den vergangenen unterschieden? 

Polished cement vessel by Nick Parker Photo courtesy of Sight Unseen Sight Unseen: Unserer Meinung nach unterschied sich dieses Jahr nur leicht von den vergangenen Jahren. Der Umfang unseres Zeitaufwands sowie die Idee, die Ausstellung als Plattform für neue Ideen und Talente im Design-Bereich zu nutzen haben sich nicht geändert. Allerdings haben wir mehr Marken als zuvor eingeladen, wie zum Beispiel Umbra Shift und Land of Nord. Zusätzlich gab es dieses Jahr zwei aufwändige, kuratierte Projekte - eine Ausstellung, bei der ein Dutzend Designer, Stücke kreierten, die von Shaker-Möbeln inspiriert wurden sowie ein Projekt, für das wir fünf amerikanische Studios einluden, die über große Distanz hinweg mit fünf norwegischen Studios zusammenarbeiteten - sowie auch eine größere internationale Präsenz. 

ACWo seht Ihr Sight Unseen in fünf Jahren?

SU: Wir haben für Sight Unseen die gleichen Hoffnungen wie jeder sie für sein Unternehmen hat: Wir möchten, dass es wächst! Mehr Inhalte, mehr Leser und mehr großartige Mitwirkende. Für uns ist es natürlich wichtig, dass die Entwicklung sich mit unseren gezielt gesetzten Visionen deckt, dementsprechend wachsen wir etwas langsamer als Andere. Es wird sich zeigen. Wir würden auch gerne mehr Marken und Designer in Sight Unseen OFFSITE mit einbringen. 

 
  • Interview by

    • Anna Carnick

      Anna Carnick

      Als ehemalige Redakteurin bei Assouline, der Aperture Foundation, Graphis und Clear feiert Anna die großen Künstler. Ihre Artikel erschienen in mehreren angesehenen Kunst- und Kulturpublikationen und sie hat mehr als 20 Bücher herausgegeben. Sie ist die Autorin von Design Voices und Nendo: 10/10 und hat eine Leidenschaft für ein gutes Picknick.

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