Ein Gespräch mit Marc Zehntner, Co-Direktor des Vitra Design Museums


Klassiker für die Zukunft

Von Gretta Louw

An einem nebligen Tag Anfang Mai machten wir uns zum Vitra Campus in Weil am Rhein auf, der außerhalb von Basel liegt. Hier trafen wir Marc Zehntner, Co-Direktor des Vitra Design Museums, und unterhielten uns über die Mission des Museums, die Strategien der Sammlung und die Zukunft von Design.

Gretta Louw: Ursprünglich sollte im Museum lediglich die private Sammlung des früheren CEOs Rolf Fehlbaum untergebracht werden. Seitdem hat es sich fortlaufend vergrößert. Wie hat sich das Selbstverständnis des Museums im Laufe der Zeit verändert und wie kam es dazu, dass das Museum sich mehr der Öffentlichkeit zugewandt hat?

Marc Zehntner: Das Museum wurde 1989 gegründet und, wie Sie schon richtig gesagt haben, war Rolf Fehlbaum zu dieser Zeit der Geschäftsführer des Möbelunternehmens Vitra. Er sammelte Stühle aus persönlichem Interesse. Als seine Sammlung nach und nach immer größer wurde, kam ihm die Idee zu einem kleinen Museum, in dem er Freund*innen und Kund*innen die Sammlung zeigen konnte. Also engagierte er den späteren Gründungsdirektoren Alexander von Vegesack, der zu diesem Zeitpunkt schon selbst Sammler war und Ausstellungen organisierte. Von Vegesack machte das Museum zu dem, was es heute ist.

In den frühen 90ern entwickelte Alexander das Konzept der Wanderausstellung. Er war der Meinung, dass es absolut keinen Sinn macht, derart wichtige Ausstellungen zu konzipieren und sie dann nur hier, in Weil am Rhein, zu zeigen. Also etablierte er ein System der Zusammenarbeit mit internationalen Ausstellungspartnern. Nach diesem Modell arbeiten wir noch heute. Darüber hinaus war ihm wichtig, dass die  Sammlung ständig weiter wächst, und dass immer wieder neue Ausstellungen geboten werden. Wenn wir wollen, dass die Leute das Museum mehr als nur ein Mal besuchen, müssen wir stets neue und wechselnde Ausstellungen produzieren. Die ursprüngliche Sammlung ist von ein paar hundert Stücken im Jahr 1989 heute auf 7.000 Stücke gewachsen – und das sind nur die Möbel.

GL: Vitra gilt als ziemlich demokratisches Designunternehmen, weil es schönes Design zu einem erschwinglichen Preis anbietet. Das deckt sich gut mit dem Aufklärungsgedanken des Museums – einer breiten Öffentlichkeit Design, Architektur und Designgeschichte näher zu bringen.

MZ: Ja, das stimmt. Dazu muss man sagen, dass das Museum zwar zum Unternehmen Vitra gehört (mit dem wir eng verbunden sind), wir aber eine unabhängige, gemeinnützige Stiftung sind. Wir sind kein Firmenmuseum; das ist ein wichtiger Punkt. Viele Unternehmen gründen Museen und zeigen nur ihre eigenen Produkte und Geschichte. Das Vitra Design Museum ist da ganz anderes. Und ja, unser erklärtes Ziel ist es, Wissen über Design und Architektur zugänglicher zu machen. Genau das tun wir in unseren Ausstellungen, Bildungsprogrammen, Veröffentlichungen und so weiter.

GL: Glauben Sie, dass diese Denkweise weltweit allmählich mehr wertgeschätzt wird, dass also Menschen heutzutage Design und dessen Einfluss auf ihre Umwelt besser verstehen?

MZ: Absolut! Ansonsten hätten wir ja bei unserer Arbeit etwas falsch gemacht! [lacht] Auf der einen Seite glaube ich schon, dass sich die Wahrnehmung dafür verändert. Andererseits gab es im Design einen großen Umbruch. Vor 10 oder 20 Jahren war „Design“ im allgemeinen Verständnis vor allem Produktdesign. Heute wird aber die politische Dimension von Design mehr wertgeschätzt. Damit befasst sich die Ausstellung Victor Papanek: The Politics of Design, die bei uns die im September eröffnet. Es wird um Papanek als Person gehen, aber auch um seine Ideologien. Es gibt da all diese verschiedenen Bewegungen: soziales Design, umweltpolitisches Design, wirtschaftliches Design – Design spielt immer eine Rolle.

Prototypen aus Schichtholz in der Ausstellung Charles & Ray Eames: The Power of Design Foto © Mark Niedermann für Vitra Design Museum

GL: Wie geht das Museum strategisch an das Sammeln heran? Wie wird darüber entschieden, ob und welche neuen Stücke in die Sammlung aufgenommen werden?

MZ: Wie ich bereits erwähnt habe, sind mittlerweile über 7.000 Möbelstücke in unserem Bestand. In einigen Bereichen ist die Sammlung also so gut wie vollständig. Natürlich gibt es bestimmte Arbeiten geben, die in historischen Hinsicht relevant sind, doch was noch viel interessanter ist, ist wie wir heute sammeln. Die Herausforderung dabei ist, sich zu überlegen, welche Sachen in 30 oder 40 Jahren interessant sein könnten. Ob wir richtig lagen werden nur diejenigen, die das Museum in Zukunft leiten werden, sagen können. Erst mit der Zeit stellt sich heraus, was zum Klassiker wird.

Aber bei uns geht es schon immer (und auch heute noch) nicht nur um eine bestimmte Ästhetik, Klassiker, Sonderedition oder Ähnliches, sondern auch um neue Technologien. Wenn man sich das Schaudepot ansieht, das chronologisch geordnet ist, kann man die Einführung neuer Materialien ganz genau nachvollziehen. Nehmen wir beispielsweise Stahlrohr: bis zu einem bestimmten Zeitpunkt existierte es einfach noch nicht, doch dann sieht man auf einmal all diese Möbel aus Stahlrohr. Ähnlich verhält es sich mit vielen anderen Technologien und Materialien.

Wir interessieren uns sehr für neue Technologien – wir suchen den ersten Stuhl oder ein Möbelstück, das durch ein bestimmtes neues Verfahren hergestellt wurde. Momentan sammeln wir zum Beispiel viele Arbeiten, die das 3D-Druckverfahren nutzen, und behalten diesen Markt generell genau im Auge, weil es etwas ganz Neues ist. Unser internes Komitee besteht aus der Kuratorin * dem Kuratoren der Sammlung, den zwei Direktor*innen und einigen externen Berater*innen. Gemeinsam sprechen wir darüber, welche Richtung wir mit der Sammlung einschlagen wollen und wie wir beim Erwerb neuer Objekte die richtige Entscheidung treffen.

GL: Es ist interessant, dass Sie sich mit der Sammlung an der Entwicklung neuer Materialien orientieren, weil so eine Serie von historischen Artefakten entsteht: ein Archiv, das die Entwicklung von Technologie im Allgemeinen dokumentiert. Geht es Ihnen bei den zeitgenössischen Designer*innen, deren Arbeiten in die Sammlung aufgenommen werden, vor allem um diesen Aspekt der Innovation? Um Designer*innen also, die Technologien weiterentwickeln?

MZ: Das ist nur einer von vielen Aspekten. Ein anderer ist auch ganz einfach kommerzieller Erfolg. Und dann gibt es Designer*innen, die eine sagen wir mal eine sehr eigentümliche Idee oder Ästhetik haben – etwas, das wir noch nie zuvor gesehen haben, aber für besonders halten. Aus heutiger Sicht gelten die Eames Stühle ganz selbstverständlich als Klassiker, aber in den 40er und 50er Jahren kannte sie fast niemand. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren sie nicht wirklich bekannt. Oder Frank Gehry: als er 1989 dieses Gebäude hier auf dem Vitra Campus baute – sein erstes außerhalb Kaliforniens – war er 60 Jahre alt und als Architekt nicht sonderlich bekannt. Heute ist er weltberühmt, also denken alle, „Aha, die haben auch ein Gebäude von Gehry.“ Aber damals war er wirklich nicht sehr bekannt. Wir versuchen heute, Designer*innen zu finden, die vielleicht nicht sehr bekannt sind, dafür aber in ihrer Arbeit irgendwie besonders sind. Heutzutage ist es nicht schwer, eine Top 10 Liste mit den wichtigsten Designer*innen zu finden und, mit dem nötigen Geld, ihre Arbeiten zu kaufen – darum geht es bei unserem Konzept aber nicht.

Charles & Ray Eames: The Power of Design im Vitra Design Museum Foto © Mark Niedermann für Vitra Design Museum

GL: Ich habe Einiges darüber gelesen, wie sich die Architektur auf dem Campus entwickelt hat, und es wird immer wieder betont, dass dabei schon viel Vorahnung im Spiel war, denn alle Architekt*innen – die heute zu den ganz Großen gehören – waren zu diesem Zeitpunkt eher unbekannt. Es gibt aber sicher einen Zusammenhang zwischen den beiden Aspekten: wenn man den Auftrag für ein Gebäude hier auf dem Campus bekommt, steigert das zweifellos den eigenen Ruf.

MZ: Ja, für die Sammlung gilt das Gleiche. Der Designmarkt funktioniert genauso wie der Kunstmarkt, auch wenn es um kleinere Summen geht. Designer*innen hilft es, sagen zu können, „meine Arbeiten sind in der Sammlung des Vitra Design Museums.“ Das bringt Aufmerksamkeit.

GL: Das bringt aber auch eine gewisse Verantwortung mit sich: welchen Stimmen verschafft man durch die Aufnahmen in die Sammlung Gehör, welchen nicht...

MZ: Einerseits sehen wir es als unsere Aufgaben, zu sammeln und ein Bewusstsein zu schaffen. Andererseits sind wir durch einen Kauf auch Marktakteure.

GL: Genau. Wo wir schon beim Thema Architektur sind: Besteht für Ihr Team zwischen der Architektur, die Sie umgibt, und dem Inhalt Ihrer Arbeit ein Zusammenhang?

MZ: Man kann es nicht genau definieren, aber ja, die Umgebung hat schon einen Einfluss. Jedes Gebäude hat seine ganz eigene Atmosphäre. Zum Beispiel kommt es regelmäßig vor, dass wir unsere Handys und Computer hier in diesem alten Fabrikgebäude, das heute unser Büro ist, lassen, und rüber ins Tadao Ando Konferenzgebäude gehen. Dieser Ort hat eine ganz besondere Aura, die Ando durch seine Architektur geschaffen hat. Bei der gemeinsamen Arbeit kommt dann etwas ganz Anderes heraus, als wenn wir das gleiche Meeting am gleichen Tag mit den gleichen Leuten, aber in unserem Büro hier abgehalten hätten.

GL: Wie würden Sie Leuten, die noch nie auf dem Campus waren, das Gefühl beschreiben, hier zu sein? Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie das erste Mal hier waren?

MZ: Was viele internationale Besucher*innen anlockt, ist diese Auswahl an weltbekannter zeitgenössischer Architektur – Architektur, die tatsächlich genutzt wird. Jedes Gebäude wurde für einen bestimmten Zweck gebaut. Das ist entscheidend, weil es authentisch ist. Der Campus ist ein Industriegelände – hier wird produziert, wir sind hier nicht im Disneyland – alles ist miteinander verbunden. Das macht das Ganze so besonders. Es hat eine Seele, die man spüren kann. Aus diesem Grund haben wir ein Buch über den Campus veröffentlicht und sie Industry, Architecture, and Design genannt: Diese drei Dinge sind am wichtigsten. Die Industrie vergessen wir nie – damit hat für uns alles angefangen.

Vitra Miniatures: Entwürfe von Charles & Ray Eames, Ron Arad, Patrick Jouin, Frank Gehry, Marc Newson, Studio 65 und Joris Laarman Foto © Nacho Alegre für Vitra Design Museum

GL: Sie haben gesagt, dass sich das Museum fast selbst finanziert, was ziemlich beeindruckend ist. Worin liegt in finanzieller Hinsicht das Erfolgsrezept des Museums?

MZ:Dazu muss ich sagen, dass unsere Situation schon ziemlich einzigartig und wahrscheinlich nicht 1:1 übertragbar ist. Im Grunde war es immer so gedacht, dass Vitra das Museum zwar unterstützt, aber nicht komplett trägt. In unserem Arbeitsalltag denken wir mehr wie ein Unternehmen. Vitra hat von Anfang an deutlich gemacht, dass wir unseren eigenen Teil zu den Finanzen beitragen müssen, wenn wir weiter wachsen wollen. Das bedeutet unter anderem, dass wir unsere Ausgaben überwachen und sicherstellen, dass wir effizient arbeiten. Außerdem haben wir verschiedene Einnahmequellen etabliert. Mit dem Verkauf unserer eigenen Produkte, wie Miniaturkollektionen oder Bücher, unterstützen wir das Museum. Es macht Spaß, hochwertige Museumsartikel zu entwickeln: die Leute lieben so etwas, es hat Sammlerwert – und wenn man diese Produkte kauft, unterstützt man damit gleichzeitig eine tolle Institution. Außerdem organisieren wir Fundraising, besonders für größere Ausstellungen. Und dann gibt es natürlich die Eintrittsgelder. Für viele Museen spielen Eintrittsgelder nicht so eine große Rolle, für uns sind sie dagegen entscheidend. Wir bekommen absolut keine staatliche Förderung. Das gibt uns aber auch eine gewisse Unabhängigkeit und Flexibilität als Team.

GL: Stimmt, weil man sich nicht so sehr mit Bürokratie herumschlagen muss. Können Sie uns etwas zu den Besucher*innen auf dem Campus erzählen?

MZ: Im letzten Jahr hatten wir ungefähr 178.000 Besucher*innen – für uns das mit Abstand erfolgreichste Jahr, mit einem Wachstum von 30% zum Vorjahr, was enorm ist. Internationale Architekt*innen und Designer*innen, die sich nur ein einziges Mal auf die Reise nach Europa begeben, um sich einige Architekturschauplätze anzusehen, kommen mit Sicherheit auch zum Vitra Campus. Es ist fantastisch, die Gruppen von japanischen und koreanischen Studenten auf dem Campus zu beobachten, besonders im Sommer. Wenn wir an den Universitäten dort Vorlesungen geben, wissen sie über das Vitra Design Museum genauestens Bescheid und viele von ihnen waren bereits hier.

GL: Im Bezug auf das internationale Interesse am Vitra Campus würde ich gerne wissen, was Sie von der Debatte um Decolonizing Design halten, die im Moment sehr viel Aufmerksamkeit bekommt. Was denken Sie darüber und wie bringt sich das Vitra Design Museum in diesem Bereich ein?

MZ: Ich muss zugeben, dass unsere Sammlung zwar groß, aber doch sehr westlich ausgerichtet ist. Als ersten Schritt haben wir Ausstellungen wie Making Africa: Continent of Contemporary Design organisiert. Wir versuchen, uns mit Regionen zu befassen, über die wir bisher weniger wissen und mit denen wir noch nicht viele Erfahrungen gemacht haben. Wenn wir heute neue Objekte kaufen, versuchen wir, über unseren eigenen Tellerrand zu schauen. Darüber hinaus arbeiten wir mit Partnern auf der ganzen Welt, zum Beispiel das M+ in Hong Kong, das sich gerade noch im Bau befindet – wir tauschen uns mit den Kolleg*innen vor Ort aus. Man könnte es eine Globalisierung des Museumsbetriebs nennen. Durch unsere Wanderausstellungen war dieser internationale Fokus schon immer da – aber er wird immer stärker.

Eine Führung zu den vielen legendären Stühlen, die im Vitra Schaudepot offen ausgestellt werden Foto © Bettina Matthiessen für Vitra Design Museum

GL: Wo sehen Sie das Museum in Bezug auf die Zukunft? Welche großen Projekte stehen als Nächstes an?

MZ: Wohin es gehen soll? Wir konzentrieren uns sehr auf Qualität. Die Qualität unserer Ausstellungen ist ausgezeichnet und diesen Standard wollen wir halten oder sogar noch ein bisschen besser werden. Es gibt bereits einige Ideen für zwei Bereiche, die wir als nächstes angehen wollen. Zum einen ist das der digitaler Aspekt. Mit dem Schaudepot haben wir Collection Online ins Leben gerufen. Wir haben uns mit der Frage auseinandergesetzt, wie wir Menschen für uns gewinnen können, denen es nicht möglich ist, uns vor Ort zu besuchen. Der zweite Aspekt, auf den wir uns konzentrieren, ist eine Abteilung des Museums, die sich „Education and Visitor Experience“ nennt. Wir befassen uns momentan mit Ideen für eine Sommerakademie und anderen Strategien, um Besucher*innen länger bei uns zu behalten. Wir veranstalten jedes Jahr mehrere tausend Führungen, fünf pro Tag, an jedem Tag des Jahres. Der ganze Bildungsbereich – Symposien, Akademien, Sommerkurse – wird in Zukunft noch wichtiger werden. Wir konzentrieren uns lieber auf einige wenige Dinge und haben für diese Qualitätsstandards, als zu versuchen, alles abzudecken.

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