Die Piper Collection erinnert an Guframs radikale Designgeschichte


Learning at the Discotheque

Von Carlotta Trevaini

Die turbulenten 1960er und 1970er Jahre bleiben in der Kunst- und Designgeschichte unvergessen - besonders in Italien, wo die Bewegungen der Arte Povera und des Radical Designs sich ihrer Zeit begründeten, gegenseitig prägten und schließlich den internationalen Dialog zwischen Kultur und Wirtschaft für immer veränderten. In Folge der weitreichenden Proteste von 1968, die sich gegen das Establishment richteten, verschrieb sich eine Generation von revolutionären Künstlern wie Alberto Burri, Piero Manzoni, Alighiero Boetti und Michelangelo Pistoletto gemeinsam mit Kollektiven aus Architekten und Designern wie Studio 65, Sturm Group, Superstudio und Archizoom unkonventionellen Materialien und einer provokanten Ästhetik. Ihr Ziel war es, die Grenzen des Kapitalismus aufzuzeigen und den Weg für eine humanere (und weniger kleinbürgerliche) Welt frei zu machen.

Gufram nimmt dabei für all jene, denen es dieses goldene Zeitalter des Idealismus und der Rebellion angetan hat, eine besondere Rolle ein. Unter der künstlerischen Leitung des italienischen Designers Giuseppe Gugliermetto wurde Mitte der 1960er Jahre das exzentrische, stets unangepasste Möbelunternehmen in Turin gegründet. Turin war damals erklärtes Epizentrum der Arte Povera und ein wichtiger Verknüpfungspunkt des Radical Designs. Gufram mischte mit seinem Pop Art Flair die lange Tradition des “Made in Italy” Handwerks gewaltig auf und produzierte zusammen mit anderen kreativen Vorreitern die wichtigsten Designs des 20. Jahrhunderts—unter anderem das Bocca Sofa des Studio 65 (1970), die Cactus Garderobe von Franco Mello und Guido Drocco (1972) und den Pratone Sessel von Guido Ceretti, Piero Derossi und Riccardo Rosso (1971).

Trotz einiger Höhen und Tiefen in vergangenen Jahrzehnten war es vor allem das neu gefundene Interesse an Radical Design, welches das seit bereits fünfzig Jahren bestehende Unternehmen zurück ins Gespräch brachte—zuletzt mit dem Relaunch der Piper Collection, die ursprünglich 1966 von Ceretti/Derossi/Rosso entworfen wurde. Die Stuhlreihe mit dem charmanten Untertitel Learning at the Discotheque, die im November vergangenen Jahres zum ersten Mal auf der Kunstmesse Artissima in Turin vorgestellt wurde, ist eine Hommage an die fünfzigjährige Geschichte der Arte Povera, an den Ursprung des Radical Designs und an die dynamische, kreative Kultur, von der sich die Designer damals zu dieser lässigen Stuhlkollektion inspirieren ließen.

Limited-Edition Piper Chair by Pietro Derossi for Gufram x Artissima, 2017 Photo © Gufram Ursprünglich war Piper gar nicht für den kommerziellen Markt gedacht. Die Kollektion wurde speziell für die gleichnamige Diskothek entworfen, die zwischen 1966 und 1969 als inoffizielles Hauptquartier für Turins Avantgarde aus Kunst, Architektur, Design, Musik und Performance galt. In zahlreichen Gesprächsrunden, Konzerten, Kunstvorführungen und Ausstellungen brachte die Piper Disco die bekanntesten Kulturschaffenden der Zeit zusammen. Und ganz nebenbei wurde sie auch noch zu einem Symbol für experimentelle Recherche, technologischen Fortschritt und eine Ästhetik, die insgesamt mehr auf Gleichberechtigung beruhte.

Aus zeitgenössischer Sicht ermöglicht das unverkennbare Design von Piper, das so charakteristisch für seine Zeit ist, eine nostalgische Reise zurück zu einem bedeutenden kulturgeschichtlichen Moment. Anhand von historischen Fotografien und Zeichnungen aus dem Jahr 1966 ist es Gufram gelungen, die Stühle originalgetreu in den Pop Art Farben May Green, Sky Blue, Powder Pink und Cadmium Orange nachzubilden. Der legendäre Space Age Vibe dieser Zeit spiegelt sich in der großzügig angelegten, biomorphen, aus Glasfasern geformten Sitzfläche wider, die über einer würfelförmigen und mit einem schlichten farbigen Band verzierten Grundfläche montiert ist. Was damals die Zukunft verkörperte, macht heute deutlich, dass eine progressive Herangehensweise für innovatives Design nach wie vor unabdingbar ist.

Die Piper Collection von Gufram—welcher sich bereits seit einem halben Jahrhundert dem Radical Design verschrieben hat—wird zu einem besonders günstigen Zeitpunkt präsentiert. Die internationale Design Community setzt sich heute erneut mit dem Radical Design der 1960er und 1970er auseinander. So postuliert eine Reihe Designer und Stilführer, dass viele der aktuellen politischen und sozialen Herausforderungen unserer Zeit gleich weniger groß erscheinen, wenn wir nur ein wenig Kreativität und Idealismus der damaligen Gegenbewegung verinnerlichen. Dem können wir nur zustimmen. Noch immer können wir von den jungen Wilden, die damals in der Piper Disco abhingen, eine Menge lerne—insbesondere, wie man die Welt zu einem besseren und farbenfroheren Ort macht.

  • Text von

    • Carlotta Trevaini

      Carlotta Trevaini

      Carlotta kommt aus Turin in Italien und ist tatkräftiges Mitglied in unserem wunderbaren Sourcing Team. Sie ist außerdem ein großer Fan von Urban Art und Kaffee. Bevor sie 2015 nach Berlin kam, war sie in Australien auf Entdeckungsreise und studierte Politik und Wirtschaft in Italien und Süddeutschland. Obwohl sie den Ausblick auf die Alpenkette vermisst, liebt sie Berlins spannende Kreativszene und die hier herrschende „entspannte, multikulturelle Atmosphäre“.
  • Übersetzung von

    • Hanna Komornitzyk

      Hanna Komornitzyk

      In ihrer Freizeit widmet sich Hanna den neusten US-Serien, langen Laufrunden an der Spree und dem kulturellen Leben Berlins. Ihre erste große Liebe war die Kunst, dicht gefolgt von SciFi und Arthouse-Filmen, Indie und Alternative, Bauhaus und Grafikdesign. Neben dem Übersetzen findet sie Entspannung vor allem im Web, wo sie stundenlang imaginäre Wohnräume mit minimalistischer, leicht verträumter Designerware einrichtet. Hanna ist in der westfälischen Provinz aufgewachsen und kam für einen Master in English Studies nach Berlin.

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