Die uralte Teppichtradition kirgisischer Nomadenvölker


Zeitlose Teppiche

Die Kirgisen lebten seit der Bronzezeit als nomadische Hirten und durchkreuzten saisonabhängig Berge und Täler während sie ihre Herden hüteten. Aus den sibirischen Steppen stammend zogen sie mit der Zeit in die zentralasiatische Region zwischen Kasachstan und China, die heutzutage als Kirgisische Republik oder Kirgisistan bekannt ist. Die aride, bergige Landschaft dieser Region formte das Leben und die Kultur der Kirgisen. Beides veränderte sich nur wenig, nachdem sie hierher umgesiedelt waren. In den heißen Sommern strömten kirgisische Stämme in das Alai Tal und die Steppen von Turkestan. In den harten Wintern hingegen, zogen sie sich in das Fergana Tal zurück. Um ihre spärlichen Besitztümer zu transportieren, verwendeten sie Pferde, Kamele und Ochsen. Oft reisten sie mit ihren Vorräten über weite Entfernungen, da es nur wenige natürliche Ressourcen in ihrer Umgebung gab. Unter den Gütern der Kirgisen konnte man immer verzierte Filzteppiche – genannt Ala-Kyiz  – finden, hergestellt durch Techniken, die älter als die Geschichtsschreibung sind.

Filz kam in Zentralasien auf, als sich Gesellschaften von Jägern und Sammlern in Hirten verwandelten. Es gibt eine Theorie, die besagt, dass die Menschen damit anfingen, Tiere einzuzäunen, um sie zu melken und zu züchten. Dadurch bemerkten sie, dass Schafe in den warmen Jahreszeiten ihre Wolle abwarfen und dass diese sich mit Urin gesättigt und von Hufen getrampelt langsam in Filz verwandelte. Wollfasern haben von Natur aus Widerhaken und verhaken sich deshalb. Indem man Wolle in kochendem Wasser ziehen lässt und anschließend starken Druck auf sie ausübt, kann sie in Filz verwandelt werden – in eine vielseitige Textilie, die für Bekleidung, Decken und Teppiche geeignet ist – ohne, dass dafür ein Webstuhl nötig wäre. Die Kirgisen waren Meister des Filzens. Somit wurde Filz zu ihrem Haupt-Medium, um sich künstlerisch auszudrücken.

Die kirgisischen Ala-Kyiz Teppiche zählen zu den frühesten und am längsten bestehenden Arten von Teppichen. Über Jahrtausende wurden sie durch die gleichen Techniken und mit den gleichen Motiven hergestellt. Ganze Familien waren an ihrer Herstellung beteiligt. Meistens war es die Aufgabe der Männer, die Schafe zu scheren und das Feuerholz für den Kochprozess vorzubereiten, während die Frauen und Kinder die Wolle säuberten und vorbereiteten. Und alle waren eingeladen beim Pressen auszuhelfen, welches entweder per Fuß oder mit Hilfe von Tieren und Rollwerkzeugen durchgeführt wurde.

Die Ala-Kyiz Teppiche hatten eine lebenswichtige Bedeutung für die kirgisischen Völker und waren für zehntausend Jahre der Mittelpunkt ihrer kreativen und wirtschaftlichen Existenz Ala-Kyiz Teppiche zeichnen sich durch ihre auffälligen, freien, grafischen Muster und ihre ausgeprägten Farbkombinationen aus, welche die kirgisische Landschaft und das Glaubenssystem spiegeln. Die Färbungen stammen hauptsächlich aus der regionalen Vegetation, beispielsweise aus Ampferblättern, Sand-Akazie, Kamel-Kletten, Schwarzem Nachtschatten, Granatäpfeln, Walnüssen und Krapp. Zur Zeit der Seidenstraße führten Händler aus Iran und Indien Indigo- und Cochenille-Tönungen in dieser Region ein. Das kirgisische Leben war mit der natürlichen Umgebung stark verbunden und die Weltanschauung war schamanisch; auch nachdem im 7. Jahrhundert der Islam eingeführt wurde, hielt die Verehrung der Erd- und Himmelsgötter an. Die rhythmischen, ornamentalen Designs der Ala-Kyiz Teppiche drückten die heidnischen Wurzeln der Menschen aus, häufig durch Fruchtbarkeitssymbole, wie abstrakte oder gewundene Tierhörner.

Diese Teppiche waren nicht nur schmückend, sondern außerdem überlebensnotwendig für die Kirgisen. Wie andere Nomadenvölker Zentralasiens, lebten die kirgisischen Völker in Jurten, einer Zelt-artigen Struktur aus zusammengebunden verbogenen Stangen, die ein konisches Dach bildeten. Drum herum wurden faltbare Wände aus Korbweide gewickelt, die anschließend mit dickem Filz verkleidet waren. Eine runde Öffnung im Dach ließ Licht hinein und Rauch hinaus. Die inneren Wände und Böden wurden mit Teppichen bedeckt, welche die notwendige Wärmeisolierung gegen das extreme Wetter lieferten.

Die Ala-Kyiz Teppiche hatten eine lebenswichtige Bedeutung für die kirgisischen Völker und waren für zehntausend Jahre der Mittelpunkt ihrer kreativen und wirtschaftlichen Existenz. Anfang des 20. Jahrhunderts führte die Modernisierung allerdings zu radikalen Veränderungen, die nomadische Lebensweisen zu Schwinden brachten und letztendlich uralte Traditionen der Teppichherstellung in Zentralasien verdrängten. Raffaele Carrieri, Besitzer der Altai Gallery in Mailand und Spezialist für antike Teppiche aus dieser Region, macht sich zur Mission, diesen Teil der Geschichte zu erhalten und Sammler für das, was verloren gegangen ist, zu begeistern. Carrieri sagt: „Ala-Kyiz Filzteppiche sind die wahren Vorfahren der modernen Teppiche und wurden hergestellt bevor der Webstuhl erfunden wurde. Sie sind so urzeitlich und sehen trotzdem komplett zeitgenössisch aus.“ Carrieri beobachtet, wie die Zahl an Sammlern steigt, da immer mehr Leute feststellen, dass die antiken Exemplare in den lokalen Regionen nicht mehr erhältlich sind. Er geht allerdings davon aus, dass dieses Wachstum genauso sehr mit dem ästhetischen Ausdruck wie mit der Seltenheit zusammenhängt. „Die kirgisischen Filze sind zeitlos, sie sind eine Kunstform, die unzählige Generationen überlebt hat. Sie haben eine optische Stärke, die nur ein Kunstwerk vermitteln kann.“