Zu Hause beim Wiener Duo zerunianandweisz


Perfektes Zusammenspiel

Von Anna Carnick

Die Gesetze der Chemie und Anziehungskraft sind schwammig. Es ist schwer zu erklären, was genau eine Einheit mit einer anderen zusammenbringt; und dann, wenn sie gebündelt sind, warum manche Verbindungen gut funktionieren, während es bei anderen Zusammensetzungen nicht so ganz klappt. Im Fall vom Wiener Duo zerunianandweisz trifft das Erstere zu. Das ungleiche Paar eröffnete ein aufsteigendes Designstudio in Wien. Beide haben jeweils ein ausgefallen charmantes, harmonierendes Zuhause kreiert, das mit einer Reihe von Designobjekten aus verschiedensten Ländern, Epochen und Bewegungen gefüllt ist. 

Die ausgeprägten, individuellen Stilrichtungen der beiden Gründer von zerunianandweisz entstanden aus Jahrzehnten an Erfahrung. Nadja Zerunian arbeitete unter anderem als Kreativdirektorin für Georg Jensen und Swatch; Peter Weisz war währenddessen als Schneidermeister, Modedirektor und Stylist tätig. Durch ihre Vorliebe für ungewöhnliche Kombinationen, entstand eine Ästhetik, die man sonst nirgendwo finden kann. Vintage Fundstücke werden mit neuen, handgefertigten Objekten kombiniert, die in Zusammenarbeit mit traditionellen Roma Kunsthandwerkern entstehen. Das Duo nutzt ihre Design Fusionen um Geschichten zu erzählen, die oftmals humorvoll und beneidenswert stilvoll sind.

Kürzlich fanden wir heraus, dass das Duo mit derselben Herangehensweise an die Dekoration ihrer eigenen vier Wände ging. Zerunians „Zweitwohnung-und-nun-Erstwohnung“ befindet sich im Wiener Zentrum, dem Stadtteil Innere Stadt, wo „die Glocken der Kathedrale uns jeden Morgen wecken.“ Ihr Zuhause beherbergt einen Mix aus überraschenden Zusammenstellungen aus Flohmarktfunden, Reiseandenken und klassischen Designer Stücken, die bezaubernde Vignettes kreieren. Im Wohnzimmer stehen ein Paola Navone Ghost Sofa und ein Marc Newson Orgone Tisch gepaart mit Mid-Century Korbstühlen eines anonymen Designers, eine Vintage Zeremonie Maske aus Mosambik  und ein Bücherregal, das Zerunian selbst herstellte und das sich vom Boden bis zur Decke erstreckt. Die Atmosphäre in Weiszs Wohnung, gelegen nebst dem berühmten Naschmarkt und der Wiener Karlskirche im 4. Stadtbezirk, ist zugleich dramatisch und gemütlich- himmelhohe Zimmerdecken und dunkle Akzente, die strahlend weißen Kontrapunkten gegenüberstehen. Hier finden sich hängende Pferdeschweife über einem Mid-Century Palisander Sideboard, das Weisz von seiner Tante erbte, in unmittelbarer Nähe zu einem klassischen Ingo Maurer Kronleuchter. Die Details erstrecken sich unaufhörlich weiter- wie ungeahnte Noten, die sich zu einer süßen Melodie zusammensetzen.

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Anna Carnick: Fundstücke, die oftmals mit wunderschön handgefertigten neuen Objekten kombiniert werden, spielen in Euren derzeitigen Arbeiten eine große Rolle. Könnt Ihr uns ein wenig mehr über den Grundgedanken dieses Ansatzes erzählen?

Nadja Zerunian: Wir sind Sammler, Jäger und hamstern gerne. Unabhängig voneinander haben wir Jahrzehntelang Flohmärkte und antike Händler durchstreift, immer auf der Suche nach dem perfekten kleinen Etwas. So finden sich ikonische Stücke oder manchmal auch Vintage Schätze, die als Inspirationsquelle für eine Geschichte dienen, die wir erzählen wollen.

Peter Weisz: Wir wollen die Sentimentalität vom Kunstwerk und das verstaubte Image von antiken Stücken trennen. In unserem Universum sind Objekte egalitär und stimmen miteinander überein; manchmal sind sie im Stande ihr Umfeld neu zu definieren.

zerunianandweiszs Designs werden von traditionellen Roma Handwerkern in Transylvanien produziert, in Wien von einem anderen Kunsthandwerker dekoriert und schließlich mit gefundenen Vitage Schätzen vollendet Foto © zerunianandweisz Das geschieht nahezu natürlich. Ich verliebe mich in ein Stück und versuche dann einen passenden Platz in meinem Leben zu finden. AC: Wie wählt Ihr die Künstler aus, mit denen Ihr zusammenarbeitet? Gibt es eine Art roten Faden, der sie in Euren Gedanken verbindet?

NZ: Unsere Künstler sind uns einfach „passiert“. zerunianandweisz entstand aus einer Beratungstätigkeit für eine NGO und der Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung. Wir bemühen uns, marginalisierte Handwerksgemeinschaften bei der Neuinterpretation ihrer Produktspanne zu betreuen und ihnen beim globalen Marktzugang behilflich zu sein.  

PW: Wir haben uns in die Menschen hinter den Handwerksprojekten verliebt und daran geglaubt, dass wir die Grenzen etwas weiter verschieben können- nun arbeiten wir mit einigen Handwerksmeistern für unsere eigenen Kollektionen zusammen. Es fühlt sich so an, als wenn man einen Seelenverwandten trifft, eine Person, die genau wie Du nicht eher ruht, bis es ihr gelingt eine Idee in eine greifbare Form zu umzusetzen. Die Suche nach Perfektion und das Miterleben des Prozesses der Materialisierung ist die Magie, der wir alle verfallen.

AC: Wenn es nach Euch ginge, was für Schlüsse sollten Menschen aus Eurer Arbeit ziehen?

PW: Wir wollen, dass sie für einen Augenblick in unsere Welt voller Wunder eintauchen, neugierig sind und die Kostbarkeit der Fähigkeiten erkennen, die durch Generationen von Kunsthandwerkern weitergegeben wurden. Zusätzlich wollen wir sie ermutigen ihre Vorurteile zu hinterfragen- wie wir es auch tun.

AC: Wie bezieht sich Euer Einrichtungsstil auf die Objekte, die Ihr für zerunianandweisz designt?

NZ: Der Ansatz ist ziemlich ähnlich: spielerische Erzählkunst und ein Mix aus Objekten, die in einer ständigen Wechselbeziehung zueinander stehen, und sich nicht zu ernst nehmen. Natürlich sind wir auch ständig auf der Suche nach perfekten Formen, außergewöhnlicher Raffinesse und ausgezeichneter Handwerkskunst. Jedes Stück wird sorgfältig ausgewählt und hat eine besondere Bedeutung für mich.

PW: Ich bin so wie ich lebe, und ich designe so wie ich bin. Die Inspirationen finden kein Ende.

AC: Wie würdet die Ästhetik von Eurem Zuhause beschreiben?

NZ: Orientierungslos minimalistisch Schrägstrich kompromittierend vielseitig.

PW: Shabby Chic; ein Mix aus vielen Epochen ohne eine bestimmte Vorliebe. Mein Auge bestimmt. Bestimmte Abstammungen zu entdecken ist viel aufregender, wenn man sich für ein Stück entschieden hat.

AC: Eure Wohnungen kombinieren auf eine wundervolle Art und Weise Stücke aus verschiedenen Epochen und Stilrichtungen. Gibt es bestimmte Stile zu denen Ihr Euch mehr hingezogen fühlt? Wie stellt man Gleichgewicht in dem Mix her?

NZ: Das geschieht nahezu natürlich. Ich verliebe mich in ein Stück und versuche dann einen passenden Platz in meinem Leben zu finden. Zusätzlich kam mein britischer Ehemann mit einer Menge „Gepäck“, das untergebracht werden musste. Ich liebe österreichische Biedermeier Möbel des 19. Jahrhunderts- diese sind momentan total aus der Mode. Ich sehe in ihnen jedoch sehr viel Aussicht auf Modernität. Biedermeier Möbel werden als „petit-bourgeois“ angesehen und ich liebe es dieser Ernsthaftigkeit, der klassischen Formen, mit buntem 60er und 70er Jahre Plastik entgegenzuwirken.

PW: Ich bevorzuge Objekte aus den 1970ern und Designklassiker, von denen ich nur ein paar besitze, die ich aber mit opulenten Stücken und Möbeln mit Patina kombiniere- Stühlen vom Flohmarkt zum Beispiel.

AC: In Euren Wohnungen schwebt ein Hauch wundervoller Dramatik in der Luft, gleichzeitig wird man von reichlich Eleganz umgeben. Wie nehmt Ihr die Rolle des Theaters in Eurem Wohnraum war?

PW: Ich liebe meine Wohnung und habe viel Zeit damit verbracht, Möbel von einer Ecke zu der nächsten zu schieben, bis sie zufällig perfekt abgestimmt standen. Ich liebe es, die Dinge, die ich besitze, zu sehen; es erfreut mein Auge und kreiert ein kleines Schauspiel. Ich finde es wundervoll, dass mein Zuhause einige kleine inszenierte Bereiche hat, in die ich mich immer wieder beim Vorbeigehen verliebe.

NZ: Die Dramatik in unserem Zuhause lässt sich hauptsächlich auf die Größe der Zimmer zurückführen. Unsere Decken sind 4,5 m hoch und wir leben im Luxus vielen „unnötigen“ Raums. Wir haben ein fast fensterloses Wohnzimmer und haben uns entschieden die Dunkelheit zu betonen um einen klaren Kontrast zu den anderen, helleren Bereichen der Wohnung zu schaffen. Wir lieben Spiegel (obwohl wir an einem Punkt sind, wo nur diffuse Blindheit das Leben freundlich erscheinen lässt) und haben sie an strategischen Wänden platziert um die Illusion von Unendlichkeit zu erzeugen, nach der wir uns als Großstädter sehnen.

Zuhause bei Weisz: Stücke von Eames, Saarinen und Dixon neben einem ausgestopften Kopf einer Kuh aus seinem Heimatort Foto © Katharina Gossow for Pamono AC: Könnt Ihr uns etwas über Eure wertvollsten Stücke erzählen?

NZ: Ich habe eine Baron la Croix, eine Haitianische Voodoo-Flagge, von meinem Ehemann aus Port au Prince al Geschenk mitgebracht bekommen. Eine Schale vom japanischen Keramiker Taizo Kuroda zählt auch zu meinen wertvollsten Stücken- die Entscheidung zwischen einem Abendessen oder der Schale fiel mir leicht. Ich besitze noch eine Teekanne von Henning Koppel; als ich noch bei Georg Jensen arbeitete, verliebte ich mich in diesen Designer und seine ikonischen Designs. Er war schon immer mein Superheld. Ich habe meine ersten Gehälter gegen die Teekanne eingetauscht und mein Tee hat noch nie besser geschmeckt. Es gibt da noch einen Stein von meinem Lieblingsstrand in Maine und eine goldene Prinzessinnen-Erbse, die aus all meinen ungewollten, goldenen „Überbleibseln“ entstanden ist.

PW: Ich habe einen ausgestopften Kuhkopf im Esszimmer, er stammt von einem Tierpräparator aus der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin. Der Schrank im Esszimmer wurde vor 20 Jahren aus dem KHM (Kunsthistorisches Museum) in Wien aussortiert. Dann ist da noch die Lampe meiner Freundin Ito Megumi, die aus Kimonostoff gefertigt wurde und die ich lange bevor ich sie kennenlernte kaufte. Tatsächlich liebe ich jedes einzelne Stück in meiner Wohnung!

AC: Gibt es Stammläden aus denen Ihr Eure Stücke für Zuhause bezieht?

NZ: Wenn es um Wien geht, dann den Flohmarkt, der Samstags morgens stattfindet und das Dorotheum Auktionshaus. Für Glaswaren: Das Lobmeyr Handelshaus für Glaswaren. Natürlich gibt es absolute Lieblingsplätze, denen man nur schwer widerstehen kann, wie de Vera in New York, Ross Levett in Thomaston, Maine und Richard Scott in Holt, Norfolk, GB.

PW: Ich finde viele Stücke auf dem Wiener Flohmarkt und meine Freunde setzen mich ständig mit Leuten in Kontakt, die ihre Möbel loswerden wollen. So habe ich meine Eames Stühle gefunden. Den Rest kaufe ich in Wien bei Mood, Freunden von mir, die eine sehr schöne Sammlung kontemporärer Klassiker haben.

AC: Welche Gefühle soll die Innenausstattung Eurer Wohnungen bei Euren Gästen hervorrufen?

NZ: Sie sollen sich behaglich und heimisch fühlen.

PW: Ich mag es, wenn meine Gäste ein allgemeines Wohlbefinden empfinden, und sich inspiriert fühlen.

AC: Gibt es bewährte und erprobte Tipps für Bewirtung und Dekoration, die Ihr befolgt?

NZ: Koche nur das, was du auch gerne isst. Und bemühe dich nicht allzu sehr.

PW: Sei authentisch.

  • Übersetzung von

    • Beata Konnak

      Beata Konnak

      Als gebürtige Polin lässt Beata nichts auf ihre Pierogi kommen. Ihre Kreativität lebt sie gerne in der Küche aus, wo sie zu Deutschrap den Kochlöffel schwingt. Als Sommerkind lässt sie keine Chance aus ein paar Sonnenstrahlen abzubekommen, und ist dann meistens mit einem guten Buch in der Hand unterwegs. Die Wochenenden verbringt sie am liebsten mit Kurztrips durch Europa, wo sie immer auf der Suche nach dem schönsten Sonnenuntergang ist.

  • Text von

    • Anna Carnick

      Anna Carnick

      Als ehemalige Redakteurin bei Assouline, der Aperture Foundation, Graphis und Clear feiert Anna die großen Künstler. Ihre Artikel erschienen in mehreren angesehenen Kunst- und Kulturpublikationen und sie hat mehr als 20 Bücher herausgegeben. Sie ist die Autorin von Design Voices und Nendo: 10/10 und hat eine Leidenschaft für ein gutes Picknick.
  • Fotos von

    • Katharina Gossow

      Katharina Gossow

      Nach jahrelangen Aufträgen im Ausland hat sich Katharina in Wien als freiberufliche Fotografin niedergelassen. Sie befasst sich mit Inneneinrichtungen, Stillleben und Porträts für Magazine und weitere Medien. Ihre größte Leidenschaft besteht darin, Persönlichkeiten in Momentaufnahmen festzuhalten. 

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