Anastasiya Koshcheevas Designs sind für einen höheren Zweck bestimmt


Auf großer Mission

Von Gretta Louw

Was wäre, wenn es da ein Material gäbe, das so flexibel und beständig wie Leder, samtweich, komplett regenerativ, antibakteriell, wasserabweisend und von Natur aus ästhetisch ist? Das klingt zu schön um wahr zu sein! Gäbe es ein solches Material, hätte sich das nicht längst herumgesprochen? Nun ja, scheinbar haben – über Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende – in Sibirien eine ganze Menge Leute damit gearbeitet.

Birkenrinde gilt in Russland und Skandinavien als traditionelles Material in der Handarbeit und findet seit prähistorischen Zeiten in ganz unterschiedlichen Bereichen Anwendung. Heutzutage ist Birkenrinde jedoch fast völlig aus der Produktion verschwunden und wurde in Souvenirshops mit kitschigen Duplikaten ersetzt. Hier kommt Anastasiya Koshcheeva ins Spiel. Die junge Designerin, die in Berlin arbeitet und gebürtig aus Russland stammt, will das ändern. Mit außergewöhnlichem kreativen Talent und ausgeprägtem Geschäftssinn will sie das Wundermaterial sowohl im 21. Jahrhundert als auch in der Welt des Luxus Designs fest etablieren.

Koshcheeva wurde 1987 im sibirischen Krasnoyarsk geboren: „Ich bin mit Birkenrinde aufgewachsen,” erklärt sie. „Traditionell gesehen war es das wichtigste Material, um unser Überleben zu sichern.” Aber wie bei so vielen Naturwundern um uns herum sehen wir oft den Wald (oder die Rinde?) vor lauter Bäumen nicht. Koshcheevas erste bewusste Erinnerung an Birkenrinde ist „ein ziemlich alter Behälter für Lebensmittel; ich bekam ihn von meiner Großmutter, die ihn wiederum von ihrer Großmutter geerbt hatte. Wir bewahrten darin Honig auf. Aber er sah ziemlich altertümlich aus – nicht wirklich etwas, das ich bei mir zu Hause verwenden würde.”

Jung, voller Energie und mit dem Wunsch, die Welt jenseits Sibiriens kennenzulernen, kam Koshcheeva im Alter von 18 Jahren für einen Schüleraustausch nach Rosenheim, einer Kleinstadt zwischen München und den deutschen Alpen. Bei den Mitbringseln für ihre Gastfamilie handelte es sich natürlich um kleine Schachteln aus Birkenrinde. Sie erinnert sich noch genau daran, wie sehr sie die Begeisterung der deutschen Familie für die Geschenke und das unbekannte Material überraschte. Manchmal erkennt man die Bedeutung des eigenen kulturellen Erbes erst aus der Entfernung.

Koshcheeva entschied sich dazu, ihr Studium in Werbung und Medienarbeit in Russland abzubrechen und an eine deutsche Universität zu wechseln. „Ich wollte mit meinen Händen arbeiten,” erzählt sie. Es folgte der Umzug nach Coburg, wo Koshcheeva an der dortigen Fachhochschule ihren Bachelor in Produktdesign machte.

Unter den persönlichen Dingen, die sie aus Russland nach Coburg mitbrachte, war auch ein Birkenrinden Behälter mit Pinienkernen, den ihre Eltern ihr zum Abschied geschenkt hatten. Damals fand Koshcheeva die Box eher kitschig, sie wurde direkt in der hintersten Ecke ihres neuen Küchenschranks verscharrt. Dort verbrachte sie ganze zwei Jahre bis Koshcheeva sie wiederfand und zu ihrer großen Überraschung feststellte, dass der Inhalt immer noch frisch war. „In diesem Moment wurde mir klar, wie besonders das Material ist,” sagt sie. „Seitdem arbeite ich mit nichts anderem mehr.” Die Herausforderung bestand laut Koshcheeva nun darin, einen traditionellen Werkstoff in eine zeitgemäße Form zu bringen.

 

Anastasiya Koshcheeva in ihrem Berliner Studio mit einem traditionellen russischen Birkenrinden Container in der einen und einem ihrer eigenen Container in der anderen Hand Foto © Pedro Gething für Pamono

Während ihres Masterstudiums in Design an der Fachhochschule Potsdam nahm Koshcheevas Arbeit 2014 dann zum ersten Mal ernsthafte Züge an. „Es war learning by doing,” erklärt sie. „Meine Arbeit mit Birkenrinde unterscheidet sich fast völlig von der traditionellen Herstellung.” Seitdem eilt sie kopfüber und in rasantem Tempo ihren eigenen Ideen nach. 2015 gründete sie in Berlin ihr Studio und konzentrierte sich zu Beginn erst einmal auf eine kleine und dennoch höchst innovative Kollektion: sie bestand lediglich aus dem Taburet Stool (2015-2016), dem Svetoch Light (2016) und den Tuesa Birch Bark Containers (2015). Im Jahr 2016 eröffnete sie in der Nähe von Moskau eine neue Produktionsstätte, um der hohen Nachfrage für MOYA nachzukommen – jener Marke, mit der sich Koshcheeva allein ihren Produkten aus Birkenrinde widmet.

Neue Wege einzuschlagen ist aber nie ein Sonntagsspaziergang. Genau wie der eigene Schlüsselmoment, in dem sie die vertraute Birkenrinde zum ersten Mal durch die Augen anderer gesehen hatte, stieß sie bei der Suche nach Kunsthandwerken in Russland zunächst auf Unglaube und Verwirrung. Ursprünglich galten Produkte aus Birkenrinde als reine Gebrauchsgegenstände; man verwendete das Material aufgrund seiner einzigartigen Beschaffenheit oder seiner Widerstandsfähigkeit und sah es weniger als künstlerische Ausdrucksform. In jüngster Zeit ist man zum anderen Extrem übergewechselt und Souvenirläden verkaufen nun oft billig produzierten Nippes, der so mit Verzierungen und anderen Ablenkungen überladen ist, dass man die natürliche Rinde darunter kaum noch erkennen kann. „Diese Artikel sind reine Geldmacherei. Qualität spielt dabei keine Rolle,” erklärt Koshcheeva.

Am Ende gab es Koshcheeva auf, erfahrene Handwerker von ihrer Vision zu überzeugen und wandte sich stattdessen an aufgeschlossene Menschen, die etwas Neues lernen wollten; ihre ersten Angestellten trainierte sie in ihrem Werk außerhalb Moskaus schließlich selbst. „Wenn ich vor Ort bin, geht es nicht um Design; es ist mehr eine Art gemeinnütziges Projekt,” erzählt Koshcheeva. „Die Menschen dort führen ein komplett anderes Leben. Für sie bin ich nichts anderes als eine Außerirdische, die von einem völlig anderen Planeten stammt. Sie können nicht glauben, dass es tatsächlich Leute gibt, die das kaufen wollen, was sie dort herstellen.”

Die persönliche Verbindung zu ihrer Heimat erweitert Koshcheevas Projekt gemeinsam mit den Arbeitsmöglichkeiten für all jene, die sie am dringendsten brauchen, um eine entscheidende Ebene. Und das ist lange nicht alles; natürlich ist die Rinde umweltfreundlich, nachhaltig und komplett erneuerbar. Sie stammt von Birken aus der Holzverarbeitung. „Sie kann eine vegane Alternative zu Leder sein,” erklärt Koshcheeva, „aber dafür braucht man Rinde von höchster Qualität. Mir ist die Nachhaltigkeit und Funktionalität meiner Produkte sehr wichtig.”

Nach eigener Aussage hat es sich die ambitionierte Designerin zum Ziel gesetzt, „Birkenrinde so präsent zu machen wie alle anderen Materialien, von denen wir tagtäglich umgeben sind.” Bisher verläuft ihr Plan sehr erfolgreich und Koshcheeva ist ständig dabei, ihre Kollektion zu erweitern. Ein neuer Raumteiler und eine Bank befinden sich wie sie uns verrät gerade in der Entwicklungsphase. Esszimmerstühle, eine neue Lampe, ein paar Körbe und eine Brotdose kommen bald auf den Markt. Koshcheeva will sich weiter auf Inneneinrichtung spezialisieren; dafür widmet sie sich der warmen, natürlichen Beschaffenheit der Rinde, die ganz unterschiedlichen Lebensräumen ein einzigartige Stimmung verleihen kann. Aber es gibt auch größere Visionen: da die Rinde antiseptisch wirkt und gewaschen werden kann, eignet sie sich laut Koshcheeva perfekt als Baustoff. „Man kann wirklich sagen, dass ich Rinde liebe” schwärmt sie. „Das ist alles so aufregend. Man kann mit ihr auf so unterschiedliche Weise arbeiten, es gibt fast unendliche Möglichkeiten.”

Als wir mit ihr sprachen, kam Koshcheeva gerade zurück von der Formland Design Messe in Dänemark, wo sie die dänische Begeisterung schier überwältigte. „Der skandinavische Markt passt perfekt zu mir,” sagt sie. „Dort wissen sie Handarbeit und natürliche Materialien zu schätzen; solche Produkte sind ihnen wichtig.” Ungeachtet des ohne Frage guten skandinavischen Geschmacks wird das Interesse der Designwelt auch hierzulande nicht lange auf sich warten lassen.

  • Text von

    • Gretta Louw

      Gretta Louw

      Die multidisziplinäre australische Künstlerin Gretta wurde in Südafrika geboren und lebt zurzeit in Deutschland. Sie ist Sprachenthusiastin und Weltenbummlerin, hat einen Abschluss in Psychologie und eine große Vorliebe für die Avantgarde.
  • Übersetzung von

    • Hanna Komornitzyk

      Hanna Komornitzyk

      In ihrer Freizeit widmet sich Hanna den neusten US-Serien, langen Laufrunden an der Spree und dem kulturellen Leben Berlins. Ihre erste große Liebe war die Kunst, dicht gefolgt von SciFi und Arthouse-Filmen, Indie und Alternative, Bauhaus und Grafikdesign. Neben dem Übersetzen findet sie Entspannung vor allem im Web, wo sie stundenlang imaginäre Wohnräume mit minimalistischer, leicht verträumter Designerware einrichtet. Hanna ist in der westfälischen Provinz aufgewachsen und kam für einen Master in English Studies nach Berlin.

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