Ineke Hans Salons geben Antworten auf dringliche Fragen unserer Zeit


Zeit zum Denken

Zeit ist kostbar. Weil sie dahinschwindet, wollen alle mehr davon haben: Zeit, um die großen Fragen anzugehen oder unseren Traum zu erfüllen. Zeit, um eine neue Fertigkeit zu erlernen oder eine bestehende zu optimieren. Mehr Zeit mit unseren Nächsten zu verbringen. Und seien wir mal ehrlich, wir würden uns alle über ein wenig mehr Zeit freuen, um Schlaf aufzuholen.

Sich Zeit nehmen ist aber nie so einfach, wie es scheint. Dazu sind voller Einsatz und viel Umsicht nötig. Diese machen die Serie Studio|Salon (2016) der niederländischen Designerin Ineke Hans so beeindruckend. Vor ein paar Monaten beschloss Hans ihr Designbüro in Arnheim in Holland zu verlassen und einen zweiten Sitz am Kanal in Londons hipper Hackney Nachbarschaft zu errichten. Sie wollte den Großteil ihrer Zeit 2016 ihrem neuen Londoner Designbüro und ihrem neuen ehrgeizigen Projekt widmen, das die größten und komplexen Herausforderungen für heutige Designer erforscht, nämlich die sich verändernde Rolle des Designers vor dem Hintergrund einer sich rasch entwickelnden Welt.

Hans meint dazu:  “Ich hatte das Gefühl, mich neu definieren zu müssen. Nachdem ich jahrelang mein eigenes Designbüro führte, merkte ich, dass sich vieles im Möbeldesign veränderte, also musste ich mich auch ändern.” Zu den Veränderungen zählt sie neue Methoden der oftmals digitalen Produktion, Promotion und des Verkaufs, sowie steigende Kosten und schrumpfenden Lebensraum in der Stadt, ein Überschuss an bestehenden Möbeln und die sich wandelnden Anforderungen an privaten und öffentlichen Plätzen. “All das hat einen großen Einfluss auf Möbel und auf die Rolle des Designers. Ich wollte mir die Zeit nehmen, um mich damit auseinanderzusetzen.”

Im Februar 2016 startete die Designerin Diskussionsrunden, die diese Themen behandeln und zum Teil von dem Creative Industries Fund NL und der niederländischen Botschaft in London gefördert wurden. Zu jeder Runde lud sie Designexperten ein. Das größere Ziel der Salons, so Hans, ist es die Kommunikation zu fördern, um “bis Frühling 2017 Ergebnisse und Empfehlungen hervorzubringen.”

London schien ihr der perfekte Ort für das Projekt. Auf ihrer Webseite beschreibt die Designerin warum: “Als Großstadt wird London unter die Lupe genommen, wenn es um Veränderungen hinsichtlich unserer zukünftigen Arbeits-, Wohn- oder Gesellschaftsräume geht, die mit neuem Konsumverhalten, mobilem Arbeiten, mit Reisen und Erholung verbunden sind…Die Stadt dient als Beispiel für Zukunftsszenarien in anderen Orten der Welt.”

Zum Zeitpunkt dieses Schreibens hat Hans bereits vier Diskussionsrunden und drei “XL” Salon Pop-ups veranstaltet, die im Mai während der Clerkenwell Design Week stattfanden und dem Publikum öffentlich zugängliche Ausstellungen und Podiumsdiskussionen präsentierten.  Zu den Salonteilnehmern zählten bisweilen Designweltgrößen wie die ehemalige V&A DesignkuratorinV&A design curator Jana Scholze, Autor und Designberater Max Fraser, Professor für Design der Kingston University und From Now On Kreativdirektor Daniel Charny, Autorin und Kuratorin Johanna Agermann Ross, sowie eine Reihe berufstätiger Designer, darunter Benjamin Hubert,  Nina Tolstrup, Peter Marigold, und Raw Edges. Hans meint: “Für viele Teilnehmer ist die Tatsache, dass Designer, Hersteller, Händler, Kuratoren und Denker an einem Tisch diskutieren, von besonderer Bedeutung und sehr inspirierend. Ich hoffe und glaube, dass etwas daraus entstehen wird.”

Marigold zufolge sorgen die Veranstaltungen für wertvolle Gespräche auf einer Ebene, die selbst seine Vorstellungen übertrafen. “Ich kam mit meinem Laptop an, weil ich dachte, es würde sich um eine Vortragssituation handeln. Ich war positiv überrascht, als wir uns tatsächlich hinsetzten, um miteinander Ideen auszutauschen und zu diskutieren. So war man gezwungen, anders wie gewohnt zu denken. Außerdem hatte ich die Möglichkeit vieles loszuwerden, über das ich bereits lange nachsann. Das wäre bei einer üblichen Vortragssituation nicht passiert.” Er fügt hinzu: “Gut gemacht, Ineke!”

Raw Edges Designer Yael Mer unterhält sich auf einer Salonveranstaltung Foto mit freundlicher Genehmigung von Ineke Hans Was sie für sich mitnimmt? Dazu meint Hans: “Ich bin sehr an einer Open Source Produktion und ihren Chancen und demokratischen Auswirkungen interessiert, vor allem bezogen auf eine Möbelproduktion, die stattfindet, wenn und wo sie benötigt wird. Aber auf diesem Gebiet muss wohlüberlegt gehandelt und gearbeitet werden. Da es sich um Open Source handelt, müssen wir gut überlegen, was da hineinkommt und sichergehen, dass es Sinn macht.”

Diejenigen, die sich diesen Monat in London und Umgebung aufhalten, können an öffentlich zugänglichen Diskussionen aus Hans neuer “XL” Pop-up Salonserie während des London Design Festivals teilnehmen. Dazu hat sie Podiumsdiskussionen am Ace Hotel London und dem V&A organisiert, sowie zwei Ausstellungen. Die erste, Furniture is Not Working, zeigt in der Brompton Design District Werke aufstrebender Designer. Die zweite, Cuckoo Eggs, zeigt eine Intervention in den Ausstellungsräumen für Möbel des Victoria & Alber Museums. Hierfür wird Hans den Raum mit Texten und gezeichneten Interventionen versehen, die die Möbelsammlung des V&A für 2017 und darüber hinaus kommentieren. Dazu meint Hans: „Dies gibt mir die Möglichkeit, über die fantastische Möbelsammlung des V&A nachzusinnen, sie neu zu denken und meine Gedanken in den Räumlichkeiten in Form von Notizen anzubringen, die wie Ostereier im V&A aufgespürt werden können. Sie liefern Kommentare zur Geschichte und zur Zukunft des Möbeldesigns und fordern uns auf, neue Herstellungsverfahren und Lebensformen in Erwägung zu ziehen.“

Zwei zusätzliche kleinere Salonveranstaltungen sollen später im Herbst stattfinden. Danach will Hans ihre Schlussfolgerungen ziehen.

Wir freuen uns auf die Ergebnisse. Kommt Zeit, kommt Rat.

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