Die vielen Farben des Regenbogens


Farbenfrohe Designs aus aller Welt

Von Anna Carnick

Ob es sich um ein strahlendes Pink handelt oder um ein ruhiges Blau, eines ist sicher: Farbe ist eine treibende Kraft. Verschiedene Farben rufen verschiedene Emotionen hervor, seien diese kontemplativ, froh oder energisch. Insbesondere für Designer stellt die Farbe ein unverzichtbares Mittel zur Gestaltung gefühlsbezogener, gar inspirierender Arbeiten dar. Wie der großartige Verner Panton es einst betonte: „Man sitzt viel bequemer auf einer Farbe, die man mag.“  

In den letzten Monaten konnten wir beobachten, wie etliche sehr talentierte Designer weltweit begeistert und mit viel Mut Farbe bei ihren neuen Projekte einsetzten. Wir haben uns mit sechs Designbüros in Verbindung gesetzt, die mit Farbe arbeiten und uns über unsere bunten Lieblingsdesigns informiert. Im Folgenden beleuchten wir gestalterische Entwürfe - in allen Farben des Regenbogens.  

 

Rive Roshan / London

Das Farbspiel steht im Zentrum beinahe jeder Arbeit des Rive Roshan Designbüros mit Sitz in London. Oft präsentieren Werke farbige Kombinationen, die sich verändern, je nachdem wie der Nutzer sich mit ihnen befasst. „Farbe ist so ein subjektives Element“ so der holländische Designer Ruben de la Rive Box und der iranisch-australische Designer Golnar Roshan. „Wir möchten den Menschen die Möglichkeit geben, etwas Persönliches zu erschaffen.“

Das vielseitige Loom Bound (2016) Projekt des Designbüros wurde beispielsweise entworfen, um sich dem Geschmack des Einzelnen anzupassen. Die modularen, Bildschirm ähnlichen Stücke bestehen aus unfertigen Eichenstäben, die mit verschieden farbigen Stoffen umwoben in beinah unendlich vielen Varianten konfiguriert werden können. Ebenso wurde die verträumte, vielfach gefärbte Circadian Tapisserie (2016)—auch eine Mischung aus Stoff und Eiche—mit der Absicht entworfen, verschiedene Zeitspannen zu symbolisieren, indem der Stoff langsam rotiert und unterschiedliche Farbkombinationen darstellt. Die Designer beschreiben den Ansatz als meditativ und „chromologisch“. Die Trichroic Tapisserie Serie—eine Installation, die 2015 im Musée des Arts Décoratifs in Paris zu bewundern war und aus fünf Meter langen geschichteten Stoffverkleidungen bestand—untersucht das Zwischenspiel der Farbe. Während der Besucher umher schreitet, interagieren Farbspuren und erzeugen das Gefühl von Bewegung. Das sagt das Duo dazu: „Wir sind besonders interessiert an der Fähigkeit von Farbe, unsere Wahrnehmung zu beeinflussen und zu verfälschen. Wir versuchen immerzu optische Wunder durch das Zusammenspiel von Farbe zu finden.“
 
Und weiter: “Farbe ist eine genauso wichtige Variable wie Form, Funktion oder Material. Historisch wurde Farbe oftmals als nachträglicher Einfall des Gestaltungsprozesses vernachlässigt. Für uns war sie schon von Anfang an Teil des Prozesses…Farbe kann eine bestimmte Stimmung oder einen Gefühlsausdruck einfangen und vermitteln.“ Sie ist auch ein wirkungsvolles Mittel, „um visuelle Effekte zu kreieren oder um Fragen zu stellen.“

  

Everything Elevated / Oslo & NYC

Everything Elevated pendelt zwischen Norwegen und den USA. In nur ein paar Jahren machte sich das Designstudio einen Namen. Grund dafür sind ein paar durchdachte, herrlich ausgeführte Projekte. Das Passivation Projekt dient als perfektes Beispiel für den durchdachten Stil des Studios und wurde 2014 ins Leben gerufen. Diese Arbeit nutzt Farbe, um Stahl in kostbare Objekte umzuwandeln.

Die Serie umfasst Container, Spiegel und Tische, dabei wird Stahl mit einem Laser in Stücke geschnitten und anschließend in Farbe getaucht. Die dünne Farbschicht verursacht ein einzigartiges Farbspiel und verleiht dem Endprodukt eine zusätzliche Komponente (und verhindert obendrein Korrosion).  
 
Das Designbüro verrät uns: „Wir starteten das Passivation Projekt als Experiment. Wir wollten wissen, wie wir geringe Herstellungskosten (aka: unser Budget) in etwas Nobles, Einzigartiges und Begehrenswertes verwandeln könnten. Form und Design wären da ein Schritt. Aber als Designbüro haben wir den Wert des Geschichtenerzählens immer schon erkannt, um unsere Arbeit und auch unsere Wissensbasis zu erweitern.“
 
Weiter meinen sie: „Wir glauben, dass nach ausreichend Ruhe mehr kommen darf—dieses `Mehr´ bezieht sich auf den entscheidenden Faktor, der ein Projekt auf die Ebene des Wichtigen und Bedeutenden befördert.“

  

Joogii / Los Angeles 

Das Joogii Designbüro aus L.A. ist inspiriert von französischen Musikern des House aus den 1990ern, wie Daft Punk, Etienne de Crecy und Cassius. Vor kurzem startete das Designbüro French Touch (2016), eine Kollektion bestehend aus schillerndem Mobiliar und Accessoires, das keinesfalls zurückhaltend ist. Schön und prismatisch sind die Stücke aus der Serie und allesamt aus CNC gefrästem Acryl gefertigt, das per Handarbeit mit einer dichroitischen Folie überzogen wurde, das „je nach Licht- oder Schatteneinfall Farbton oder Sättigung verändert.“ Jedes Stück wurde in der Heimatstadt des Designers fabriziert und ist nach einem anderen Musiker benannt. Geometrische Formen, Verzahnungen und freie Kanten zeichnen die Objekte aus.

Die Designerin Juliette Mutzke-Felippelli erklärt uns, dass sie und ihr Ehemann und Businesspartner Diogo Felippelli sich „2006 auf der Tanzfläche kennenlernten. Einige Jahre später legten wir in ein paar Clubs auf, von Rio de Janeiro bis Los Angeles. House Musik hat uns zusammengebracht. French Touch war eines unserer ersten Designs für Joogii und wir wollten, dass es etwas ganz besonderes wird. Es hat einfach Sinn gemacht, dass wir unsere Geschichte und unsere gemeinsame Liebe für House Musik in diesem wunderschönen Projekt zur Schau stellen.“
 
Mutzke-Felippelli beschreibt die Rolle der Farbe innerhalb der Kollektion wie folgt: „Die Farbe gibt den Ton an—im richtigen Ton, das ist dabei besonders wichtig. Wenn Licht auf das Objekt trifft, wirft er Schatten auf den Boden, die ich als total beflügelnd empfinde. Die Farbe ist nie statisch, sondern sorgt in seiner Umgebung stets für Interesse und Lebendigkeit.“
 
Außerdem fügt sie hinzu, können Farben einen emotionalen Zugang zu Objekten schaffen. „Wenn man ein Projekt hat, das sehr `farbaktiv´ ist, wird es die Menschen anregen und in ihnen eine nostalgische Sympathie für bereits erlebte Momente wecken, die ihnen einst ähnliche Freude bereiteten.“ 

 

Shaping Colour by Germans Ermičs Photo © Lonneke van der Palen Studio Germans Ermičs / Amsterdam

Seit seinem Abschluss an der Eindhoven Design School 2011, konzentrierte sich der gebürtige Lette Germans Ermičs auf Experimente mit Glas und dessen Farbeigenschaften. „Obwohl Glas so ein weit verbreitetes Material ist, das uns überall umgibt, habe ich es nie als beruhigend empfunden. Mein Ziel war es, diese Wahrnehmung infrage zu stellen. Ich wollte das Erscheinungsbild von Glas verändern.“

Für seine Ombré Serie (2015-2016) setzte Ermičs seine Idee um. Dazu verwendete er Farben eines sich verändernden Himmels, um gepaart mit dramatischen Farbverläufen auf Spiegel- und Glasscheiben erstaunliche Ergebnisse herbeizuführen. Von der Frage angeregt: “Wie würde Farbe aussehen, wenn ich sie dehne, drehe, oder falte, als ob es sich um eine dreidimensionale Form handelt?“ startete der Designer Shaping Colour (2015-heute), eine farbintensive, formschöne Möbelserie konzipiert aus Glas und Spiegel. Ermičs meint dazu: “Ich wählte sehr einfache geometrische Formen und wandelte ihre kalte, lineare Geometrie in ein Element außergewöhnlicher Tiefe. In meiner Arbeit kann ich mich so an Farbe heran tasten, als handelte es sich um ein dreidimensionales Element mit eigener Konsistenz.“ Und weiter: „Indem ich einen Dialog zwischen Form und Farbe herstelle, ziele ich darauf ab, die ein Produkt definierenden traditionellen Rollen zu überwinden.“

 

Square Gem Coffee Table by Debra Folz Design Image © Debra Folz Debra Folz Design / Providence, Rhode Island

Als Inspirationsquelle für die aktuelle Serie der amerikanische Designerin Debra Folz dienten Lichtreflexe und Transparenz von Juwelen. Ihre unbestreitbar feminine Gem Kollektion (2014) zeigt rosa- und blau farbige Rauchglas Tischplatten auf Nickel- oder Messinggestellen. Die Stücke weisen in ihrer Gestaltung Ähnlichkeiten mit echten Juwelen auf, die auf gezinkten Gestellen balancieren. Folz übersetzt Aspekte von Juwelen, indem sie Farbschichten und unterschiedlich getrübtes Glas verwendet.

Die Designerin erklärt: “Die Farbgestaltung jeden Tisches ist so entworfen, dass sie einem Lichteinfall auf einer facettierten Oberfläche nachahmt, allerdings zweidimensional interpretiert. Auf einem hellen Boden mit natürlichem Licht umgeben, entstehen wunderschöne Farbspiele“, so die Designerin.

 

 

Sabine Marcelis / Rotterdam

Sabine Marcelis hofft ihrerseits ein wenig Zauber beizutragen. „Ich hoffe meine Designs bieten Augenblicke des Staunens“, meint die in Neuseeland aufgewachsene und in Rotterdam lebende Designerin. „Ich versuche Designs zu entwerfen, die mit der Wahrnehmung spielen und zu einem zweiten Blick auffordern.“

Marcelis Arbeiten gelingt das, indem sie sich mit Materialität, Arbeitsverfahren und Farbe auseinandersetzen. Sie sind gleichzeitig romantisch, über-hip und voller visueller Überraschungen. Die durch Forschung inspirierten Dawn Lichtskulpturen (2015) der Designerin, bestehend aus einem einzigen weißen Neonschlauch umfasst von farbigem gegossenen Harz, erforschen die Verhältnisse von Farbe und Licht—„inspiriert von der Tageszeit an dem Sonne, Wolken und Himmel gemeinsam eine kurzzeitige Farbexplosion erzeugen.“

Voie Light by Sabine Marcelis Image © Lee Wei Swee

Die wundervoll grafische Arbeit in Regenbogenfarben Seeing Glass Big Round (2015) ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit Brit van Nerven. Hier arbeiteten die Designer eng mit Glasspezialisten zusammen, um mithilfe einer Kombination vieler Schichten von Glas und Farbfolie innerhalb einer spiegelnden Fläche ungeahnte Tiefe zu kreieren.

Für die VOIE Lichtserie (2015) war Marcelis neugierig zu erfahren, wie Licht durch die Zugabe lediglich eines Materials beeinflusst wird. Sie paarte Objekte aus gegossenem Polyesterharz mit Neonlichtern, die die Lichtstrahlen zerstreuten und die Farbe des Harzes hervorhob, was in Stärke und Schönheit resultierte.  

Marcelis meint dazu: „Der Kern meiner Arbeit war schon immer das Material und das Hervorheben verborgener Schönheit…und magische Augenblicke herauszukristallisieren, indem Material auf neuen und innovativen Wegen behandelt oder verarbeitet wird.“
  • Text by

    • Anna Carnick

      Anna Carnick

      Anna is Pamono’s Managing Editor. Her writing has appeared in several arts and culture publications, and she's edited over 20 books. Anna loves celebrating great artists, and seriously enjoys a good picnic.

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