Eine Zusammenfassung des London Design Festivals 2016


Poetisch & Praktisch

Von Anna Carnick

Wie jedes Jahr bot das London Design Festival diesen Monat eine lebendige, aufregende Stimmung. Die Stadt war überlaufen von Designern, Galerien, Marken und Kuratoren, die Ihre Neuheiten vorstellten. Trotz der sprühenden Energie, fühlte sich das diesjährige Event etwas anders an als die Jahre zuvor: Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen politischen und kulturellen Situation schwebten aktuelle Themen, sowohl in leisen Gesprächen als auch in ausgestellten Arbeiten, in der Luft. Themen wie die Folgen des noch abzuwartenden Brexits, die amerikanischen Präsidentschaftswahlen, anhaltende Einwanderungsfragen und Wohnraumprobleme, sowie Fragen zur Lebensqualität und weitere.

Die Präsentationen waren durchdacht und vielfältig. Von raumsparenden Wohnungslösungen bis hin zu esoterischen, den Lauf der Zeit symbolisierenden Installationen, war das London Design Festival voll von Reflektionen über unser Hier und Jetzt und worauf wir möglicherweise zusteuern. In Hinblick auf unsere gegenwärtigen und zukünftigen Realitäten, schienen die Designer zwei zauberhaften Aspekten nachzugehen: dem Poetischen & dem Praktischen.

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London Design Biennale

Die wahrscheinlich beste Gegenüberstellung dieser beiden Ansätze wurde im Somerset House ausgestellt, das Londons allererste Design Biennale ausrichtete. Anderen renommierten, globalen Festivals folgend, brachte Londons erste Biennale mehr als 30 Länder zum Thema „Utopia by Design“ zusammen. Inspiriert von Thomas Mores 500 Jahre altem Buch „Utopia“, welches eine ideale Welt darstellt, in der soziale und Geschlechtergleichstellung als Norm gelten und alle Bürger daran beteiligt sind, eine Gemeinschaft zu bilden, schwankten die Ausstellungen zwischen logisch und lyrisch, umfassend anwendbar und höchst speziell sowie allem dazwischen liegendem. 

Als Antwort auf die bevorstehende digitale Revolution, entwarfen die Kubaner Luis Ramírez und Michel Aguilar Parawifi, ein modulares System aus Blumentöpfen entworfen für öffentliche Plätze, das Behaglichkeit bietet und gesellschaftliche Praktiken in den wachsenden WLAN Orten des Landes schaffen soll. Mexikos digitale Border City Installation, entworfen von Fernando Romero, bietet eine detaillierte Vision für eine bi-nationale Stadt an der Grenze zwischen Mexiko und den USA. Die VAE präsentierten Modelle für die Adaption des Al Falaj, einem einheimischen Bewässerungssystem, das sich einst in der Golf-Region ausdehnte und den Bedarf der sich stetig globalisierenden Städte der VAE anteilig decken könnte. 

Ein konzeptionellerer Ansatz fand sich im österreichischen Pavillon. Dort präsentierte mischer’traxler ein verträumtes, kinetisches Mobile namens Level. Zusammengestellt aus einem feinen Netz aus Stangen und LED-Leuchten, betont die Installation die Zerbrechlichkeit einer jeden Utopie. Während sich die Besucher im Raum bewegen, sorgen ihr Atem und die Luftzüge ihrer Bewegungen dafür, dass sich die sorgfältig ausbalancierten und voneinander abhängigen Stangen neigen und sich die Lichter dimmen. Die Installation kommentiert damit die prekäre Natur jedes Ideals, wenn es den Mächten der alltäglichen Realität ausgesetzt wird. 

Der italienische Pavillon hatte eine ähnliche Wirkung. White Flag: Utopia as Surrender and Offering brachte 20 Designer zusammen, darunter Antonio Aricò, CTRLZAK Studio, Matteo Cibic und Cristina Celestino, um die universelle Symbolik der weißen Flagge zu erwägen. Jeder der Designer kreierte eine weiße Flagge, um den Wert des Friedens auszudrücken. Jeden Tag wurde eine Flagge durch ein anderes Objekt ausgetauscht, um die Dünnheit solcher Vereinbarungen und die Wichtigkeit konkreter Restitutionsforderungen für das Vorwärtskommen widerzuspiegeln.  

Die wahrscheinlich emotionalste Präsentation der Biennale war Benjamin Loyautés Le Bruit des Bonbons: The Astounding Eyes of Syria im französischen Pavillon. Als Zusammenführung des Praktischen und der Poetik dienten eine Filminstallation und ein Live-Experiment. Der 18-Minuten Film–halb Dokumentation, halb Fiktion– wurde Anfang des Jahres im Beqaa Valley Flüchtlingslager im Libanon gedreht. Er fängt bittersüße Momente im Leben der Flüchtlingsfamilien ein, die sich alle nach einfacheren, friedlicheren Zeiten zurücksehnen und Erinnerungen teilen, die mit Süßigkeiten verbunden sind. Anbei installierte Loyauté einen Süßigkeiten-Automaten, an dem kleine Tüten mit skulpturalen, rosa „Louloupti“ Zuckerbonbons gekauft werden konnte. Die von Loyauté entworfenen Süßigkeiten sollten „immaterielle Erinnerungen, die Zeitunabhängig sind und die Tragik des Krieges überleben“ wecken und teilen. Die Einnahmen gehen an eine Hilfsorganisation für Flüchtlinge und vertriebene Kinder.

 

Stadtspaziergang

In Shoreditch ermöglichte die Forests Reihe des britischen Architekten Asif Khan einen Ort zum Verschnaufen. Entworfen, um den Besuchern zwischen dem Treiben des urbanen Lebens einen Rückzugsort zu bieten, bestehen die temporären, öffentlichen Installationen aus fast transparenten Boxen, die mit Pflanzen versehen sind. Konzipiert als „dritter Platz“ –ein Ort zwischen Arbeitsplatz und Zuhause, öffentlich und privat–wurden sie durch die japanische Idee des „shinrin yoku“ (Waldbaden) inspiriert, bei welchem, so Khan „jeder der Sinne sich darauf konzentriert die Atmosphäre des Waldes zu absorbieren: hören, riechen und sogar das Fühlen des Bodens.“

Derweil stellten Connecting the Dots ihre Werke in einem charmant skurrilen, authentischem, georgianischem Haus in der Nähe der Old Truman Brewery aus. In den intimen Räumlichkeiten wurden Werke zeitgenössischer niederländischer Designer für Enlightened Design ausgestellt- eine überraschend faszinierende Show. 

Rive Roshan's Circadian Tapestry, part of the Electro Craft show Image courtesy of Rive Roshan Ebenso im Osten liegend, betrachtete Electro Craft des niederländischen Designers Tord Boontje „das Handwerk der Elektronik und elektronische Geräte als Handwerk.“ Boontje kuratierte neue und bestehende Arbeiten 28 Designer, von kommerziellen Produkten bis zu konzeptionellen Entwürfen, von Stereolautsprechern bis zu tragbaren Fellschwänzen. Zu den herausragenden Werken zählten Marjan van Aubels wie-hat-sie-das-bloß-gemacht- Dichroic Light, welches sich von einem Spiegel zu einer Beleuchtung verformt und bei verschiedenen Blickwinkeln die Farbe ändert (dies wurde durch die Nutzung polarisierte Lichter und Zirkulardichroismus-Spektroskopie bewerkstelligt);Rive Roshan  bunter Circadian Tapestry, einem kinetischen Werk, das langsam rotiert, um Zeitablauf durch einen meditierenden und „chromologischen“ (oder bunten) Ansatz zu symbolisieren; und  Lina Patsious neue Eclipse Lights, inspiriert durch „die Schönheit des Sonnenlichts sowie dem Kontrast zwischen Licht und Schatten.“ 

Viaducts Bare Minimum Präsentation umfasste, unter anderem, Werke von Muller Van Severen, Wonmin Park, Michael Anastassiades  und wurde von Studiomamas faszinierendem 13 SQM House gekrönt. Ganz der Frage nach „Was brauchen wir tatsächlich, um zu Leben?“ entwickelte das Design-Duo ein durchdachtes, minimalistisches Interieurkonzept als Antwort auf die schrumpfenden Stadträume. Das Projekt wird letztendlich in ein bestehendes Gebäude im Herzen Nord-Londons versetzt. 

In der Galerie 19 Greek Street war wieder einmal verantwortungsbewusstes Leben und Nachhaltigkeit Thema. Die neuste Ausstellung Collector’s Club „erforscht unsere Bindung zur Natur, zu uns selbst und zu unseren Umgebungen“ in acht Tagen und ist gefüllt mit Design, Kunst, Büchern, Meditation und Gesprächen. Im ersten Stock der Galerie installierte der Kreativdirektor Marc Péridis einen Pop-up Shop und ein Design Café, welche seine anhaltende Philosophie der „heiligen Kunst der transformativen Räume“ feiern. Die übrigen fünf Stockwerke des Reihenhauses integrieren ethisch motivierte Stücke der 19 Greek Street Galerie, die von Redakteur Rachael Moloney kuriert wurden, sowie Kunstwerke der bo.lee gallery

Zum Abschluss war der Geist von Kooperation und Kritik–selten ein angenehmer Bettgenosse– in zwei besonders interessanten Ausstellungen gegenwärtig: die Erste, No Ordinary Love:  Martino Gamper w/Friends im sagenhaften neuen SEEŸŸDS Kunst/Design Raum, stellte ein Kollektivprojekt von Designern und Freunden des Künstlers dar, die zum ersten Mal zusammen arbeiteten. Es entstand eine Reihe anonym entworfener Keramikgegenstände (dessen Preise sich verdoppelten, wenn der Hersteller in Erfahrung gebracht wurde). Im Vordergrund der Ausstellung standen Fragen wie „Wie arbeiten Menschen zusammen?“ und „Was passiert bei einem Kollektivprojekt mit dem Urheberrecht von Designern, die bereits renommiert und in der Szene bekannt sind?“

Die zweite Ausstellung, ABC, kuratiert durch das Ehepaar hinter Study O Portable, präsentierte die Nachwirkungen einer Designausstellung–Rezensionen, Fotografien, Illustrationen–die in der Etage Gallery in Kopenhagen montiert waren. Die Gesamtwirkung würdigte den Wert kreativer Kritik und hinterfragte das umfangreichere Kunsterlebnis: Wo zum Beispiel liegt der Unterschied zwischen dem persönlichen Betrachten eines Stückes und dem Betrachten einer Fotografie des Stückes oder auch nur dem Lesen einer zusammenfassenden Rezension?

Insgesamt war es ein vielseitiges Festival. Wir wurden mit dem optimistischen Gefühl entlassen, dass während sich die Welt weiterentwickelt, unsere besten Designer ebenso weiterhin in durchdachten und aussagekräftigen Weisen darauf reagieren und auf dem Weg wichtige Fragen stellen werden.

 
  • Text by

    • Anna Carnick

      Anna Carnick

      Als ehemalige Redakteurin bei Assouline, der Aperture Foundation, Graphis und Clear feiert Anna die großen Künstler. Ihre Artikel erschienen in mehreren angesehenen Kunst- und Kulturpublikationen und sie hat mehr als 20 Bücher herausgegeben. Sie ist die Autorin von Design Voices und Nendo: 10/10 und hat eine Leidenschaft für ein gutes Picknick.
  • Photos by

    • Marco Lehmbeck

      Marco Lehmbeck

      Aufgewachsen ist Marco zwischen Seen und Wäldern in der Nähe von Berlin. Er studiert Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim sowie Fotografie in Berlin. Marco ist Organisationsmitglied des Immergut Musikfestivals für Indie- und Poprock, liebt Backpacking, Club Mate und Avocados. Und er trägt immer einen Hut.

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