Wie Dutch Invertuals zur Anlaufstelle für Talentjäger wurde


Die Insider

Von Annalisa Rosso

Es begann alles eher zufällig im Jahr 2009, bei einer selbstbenannten Ausstellung in Mailand, die Arbeiten eines neu gegründeten Designerkollektivs aus Eindhoven vorstellte. Die Teilnehmer verband vor allem ihr Enthusiasmus für neue, internationale Forschungstechniken und sie kümmerten sich wenig darum, ob ihre Installationen ansprechend für ein Laienpublikum waren.

Ein schlauer Schachzug, wie sich heraustellen sollte: die Ausstellung wurde von der gesamten Designwelt in höchsten Tönen gelobt. Die nachfolgenden Shows – jeweils zwei pro Jahr in Mailand und Eindhoven – befassten sich mit ähnlich abstrakten und gehaltvollen Themen von Conflict (2012) und Happy Future (2014) bis hin zu Advanced Relics (2016). Heute gilt Dutch Invertuals als Präsentationsfläche für die interessantesten niederländischen Jungdesigner; eine verlässliche Quelle für Galeristen, Kuratoren, Sammler und Unternehmen auf der Jagd nach Nachwuchstalenten.

Seit Beginn des Projekts wird Dutch Invertuals von der Gründerin, Kuratorin und künstlerischen Leiterin Wendy Plomp umsorgt. „Wir haben uns einer gemeinsamen Vision von Design verschrieben,” erklärt sie,  „um zusammen ein tieferes Verständnis für Design und seine Beziehung zu physischem Kontext, Identität und Kultur zu fördern – wir alle arbeiten mit dem gleichen Maß an Engagement, Mentalität und Bereitschaft daran, etwas ganz Neues zu schaffen.” Mit ihrem Intellekt und Idealismus konnte Plomb eine beeindruckende Reihe an Kollaborateuren für sich gewinnen.

Germans Ermičs, Pepe Heykoop, Odd Matter , Arnout Meijer, OS ∆ OOS , Michael Schoner, Studio Truly Truly, Philipp Weber und Hongjie Yang – lediglich eine kleine Auswahl der aufstrebenden Studios, die bereits für Ausstellungen mit Dutch Invertuals zusammenarbeiteten. Auf ihre Beweggründe angesprochen nennen fast alle von ihnen das einzigartige Arbeitsumfeld von Dutch Invertuals, das es ihnen einerseits ermöglicht,  völlig frei zu arbeiten und andererseits durch die starke Kameradschaft zu persönlichem Wachstum verhilft.

Dutch Invertuals Kuratorin Wendy Plomp Foto © Edhv, Architects of Identity Designer wollen keine Superstars mehr sein... Sie verbünden sich mit anderen und arbeiten im Team Daniera ter Haar und Christoph Brac vom Grafikstudio Raw Color, die bereits mehrfach und in unterschiedlichen Rollen für Dutch Invertuals arbeiteten, unter anderem als Aussteller, Gastkuratoren und Kommunikationsdesigner, beschreiben es folgendermaßen: „Die Dynamik [des gesamten Projekts] macht es Designern möglich, sich untereinander auszutauschen und Neues für die eigene Arbeitsweise dazuzulernen. Wir sehen die Zusammenarbeit als Spielwiese und Grundlage für eine neue Generation von Designern, aus der sowohl Geschäftsbeziehungen als auch Freundschaften hervorgegangen sind.”

Künstler und Designer Carlo Lorenzetti schwärmt: „Die Arbeit [mit Dutch Invertuals] bewegt sich oft außerhalb dessen, was im traditionellen Sinne als Design gilt. Aber genau dort passieren die wirklich aufregenden Dinge.” Und Daphna Laurens fügt hinzu: „Für Dutch Invertuals zusammenzuarbeiten hat uns gezeigt, dass man nur durch Interaktion stärker werden kann; so ergeben sich neuen Ideen wie auch professionelle und persönliche Erkenntnisse.”

Während wir ungeduldig auf die neue Ausgabe der Milan Design Week warten – voller Vorfreude auf das alljährliche Ereignis, bei dem die gesamte internationale Designwelt für die neuesten Trends zusammenkommt – wandten wir uns an Plomb. Mit ihr sprachen wir über die Bedeutung von Dutch Invertuals für das zeitgenössische Design, insbesondere für die Bereiche Talentsuche, Sammlung, Forschung und Diskurs.

ARWenn Sie sich an Ihre erste Show in Mailand erinnern, was ist Ihnen da aus dieser Zeit am meisten im Gedächtnis geblieben?

WP: Als Gruppe war uns die Bedeutung unserer Ausstellung in Mailand überhaupt nicht bewusst. Wir verspürten einfach nur diesen starken inneren Drang zur Gestaltung, Entwicklung und Innovation. Es ging dabei nicht so sehr um die Arbeiten [die wir ausstellten], das war lediglich das Endergebnis. Wir verhalfen einander, anders zu denken. Dadurch entstanden neue Erkenntnisse, Konzepte und Kreationen. Jeder der teilnehmenden Designer fühlte sich für das Ganze verantwortlich. Wir konnten diesen nachhaltigen Einfluss also nur durch unsere starke Gemeinschaft erreichen. Die meisten waren von dem kollektiven Ansatz so begeistert, dass sie gleich in Eindhoven bleiben und weitermachen wollten.

ARIm Laufe der Jahre haben Sie sich als Führungsperson im zeitgenössischen niederländischen Design etabliert. Warum haben Sie sich für diesen Weg entschieden?

WP: Nach meinem Abschluss an der Design Academy befasste ich mich mit einem eigenen Konzept von Design. Für mich geht es vor allem darum, Dinge anders zu sehen und umzudrehen; es ist ein Umkehrprozess. Daher der Name “Invertuals.” Man muss die Welt auf den Kopf stellen und von einem radikalen, neuen Blickwinkel betrachten. Ich arbeite gerne mit Designern und Künstlern aus verschiedenen Fachbereichen zusammen, um so Ideen aus unerwarteten Perspektiven neu zu durchdenken. Bei Dutch Invertuals geht es immer darum, die Grenzen des Designs neu definieren.

Die Kampagne von Raw Colors zur Dutch Invertuals Fundamentals Ausstellung, Oktober 2017 Foto © Raw Color; mit freundlicher Genehmigung von Dutch Invertuals ARWie würden Sie die Beziehungen zu den Designern, mit denen Sie bereits zusammengearbeitet haben, im Detail beschreiben?

WP: Ich sehe mir junge Designer ganz genau an – ich treffe eine Vorauswahl oder “überprüfe” sie, wenn man so will. Ihre Arbeitsmoral und Arbeitsweise muss sich mit der Mentalität unseres Kollektivs decken. Dann ist es vor allem wichtig, zu jedem Einzelnen eine enge Bindung aufzubauen. Man muss einen Designer auf einer persönlichen Ebene kennen, um das Beste aus ihm herausholen zu können und gleichzeitig eine angenehme Gruppendynamik zu schaffen. Also sehen wir uns alle zwei Wochen. Ich bereite sie in gewisser Weise darauf vor, mit ihrer Arbeit einen Schriff weiter zu kommen.  

ARWelche Veränderungen sehen Sie im Design nach fast 20 Ausstellungen in Eindhoven und Mailand seit 2009?

WP: Mir fällt vor allem auf, dass viele Designer keine Superstars mehr sein wollen; sie haben gar keine Interesse daran, berühmt zu sein. Sie verbünden sich mit anderen und arbeiten im Team. Im Design ist das sehr wichtig, denn nur so kann man neue Wege einschlagen, neue Objekte entwickeln und neue Denkmuster etablieren. In gewisser Weise ist Design also transparenter geworden und es geht mehr darum, Wissen mit anderen zu teilen. Wir erforschen in diesem Bereich gemeinsam unsere Zukunft und unseren Lebensraum. Wir entwickeln Objekte, die tatsächlich nützlich und nicht bloß funktional sind.

ARUnterscheidet sich das niederländische Design von dem anderer Nationalitäten?

WP: Im niederländischen Design besteht heute ein starkes Gespür für soziale Verantwortung und Zukunftsbewusstsein. Ausstellungen und andere Veranstaltungen zeigen, dass Designer auf verschiedenste Weise wirklich etwas verändern wollen. Es geht nicht mehr nur um das Produkt, das sich am besten verkauft; man konzentriert sich eher darauf, soziale Verantwortung zu übernehmen, die Zukunft gleichzeitig zu formen und willkommen zu heißen.

ARBei Dutch Invertuals dreht sich alles um Visionen, Forschung, Experimente und Leidenschaft für das Design. Und doch bietet jede Ausstellung eine ziemlich interessante Auswahl an Sammlerstücken. Was denken sie über den Sammelaspekt von Design?

WP: Das Sammeln liegt in unserer Natur – es ist ein Instinkt und wird auf Menschen immer ein große Faszination ausüben. Die Objekte aus dem Dutch Invertuals Kollektiv wirken nützlich, haben aber noch keine Funktion. Ihre Formsprache und Persönlichkeit macht sie zu Sammlerstücken. Das ist aber nicht unser Hauptanliegen. Wir konzentrieren uns in erster Linie darauf, neue Geschichten zu erzählen, sammelbares Design steht erst an zweiter Stelle. Aber wir stellen nicht nur aus; unsere Ideen und neuen Ansätze kommen auch in anderer Form zum Ausdruck, wie zum Beispiel in Inneneinrichtungen oder Trendbüchern. So können wir unser Wissen und unsere Erfahrungen mit Kunden oder Unternehmen teilen. 

ARBeschreiben Sie Ihr Publikum.

WP: Wir haben einige “Botschafter” – Leute, die uns von Anfang an unterstützen. Damit meine ich Designer, Kuratoren, Kunsthändler und Trendexperten. Sie alle wollen am Ball bleiben, sie suchen Inspiration und saugen neue Ideen auf wie Schwämme. Letztendlich nehmen sie diese Ideen dann mit nach Hause um sie für ihr eigenes Arbeitsumfeld zu nutzen.

ARWas steht für Dutch Invertuals als nächstes an?

WP: Nach nun bereits acht Jahren haben wir uns zu einem erwachsenen Unternehmen entwickelt. Natürlich werden wir weiterhin an unsere Grenzen gehen und Pionierarbeit leisten. Wir haben in diesem Jahr aber beispielsweise auch Schaufenster für Selfridges in London konzipiert. Wir freuen uns auf viele anstehende Projekte. Gemeinsam mit unserem Partner in Crime [dem interdisziplinären Architekturkollektiv aus Eindhoven] Edhv entwickeln wir innovative neue Ferienhäuser. In vier Monaten steht die Salone del Mobile an und am Ende des Jahres folgt eine ziemlich spannende Ausstellung für die Dutch Design Week in unserer Heimatstadt Eindhoven. Außerdem recherchieren und sammeln wir Inhalte für unser Buch, einer Art Jubiläumsausgabe zum zehnjährigen Bestehen.

Die nächste Ausgabe von Dutch Invertuals ist ab Mitte April während der Salone del Mobile für die Öffentlichkeit zugänglich, die in der Via Pastrengo 12 in Mailand stattfinden wird. Behalten Sie diese Seite im Auge!

  • Text von

    • Annalisa Rosso

      Annalisa Rosso

      Annalisa is a freelance journalist, trendsetter, and independent curator often hired as an Italian correspondent on design and contemporary art. She is curious about everything, always looking for something new. Because unrest is a good engine.
  • Übersetzung von

    • Hanna Komornitzyk

      Hanna Komornitzyk

      In ihrer Freizeit widmet sich Hanna den neusten US-Serien, langen Laufrunden an der Spree und dem kulturellen Leben Berlins. Ihre erste große Liebe war die Kunst, dicht gefolgt von SciFi und Arthouse-Filmen, Indie und Alternative, Bauhaus und Grafikdesign. Neben dem Übersetzen findet sie Entspannung vor allem im Web, wo sie stundenlang imaginäre Wohnräume mit minimalistischer, leicht verträumter Designerware einrichtet. Hanna ist in der westfälischen Provinz aufgewachsen und kam für einen Master in English Studies nach Berlin.

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