Dem Brutalismus auf der Spur


Mut und Offenheit: Alles was brutalistisches Design ausmacht

Angespornt durch die Eröffnung des Met Breuer Museums in New York überschwemmen Berichte über die Architektur des Brutalismus nahezu sämtliche Medien. Bei all der Aufmerksamkeit auf den Brutalismus ist es umso verwunderlicher, dass verhältnismäßig wenig über die vielen Designobjekte zu erfahren ist, die ebenfalls dem Brutalismus zugerechnet werden, insbesondere seit Nachfrage und Markt für diesen sich ausbreitenden Stil durch die Decke schießen.

Wie ein Fluss, der über die Ufer tritt, breitete sich der Brutalismus weit über die Grenzen seines architektonischen Ursprungs hinweg aus; zunächst in Form von ausladenden, monumentalen Möbeln und anschließend in einer Reihe dekorativer Kunstobjekte, von anstößig über Punk Rock bis hin zu kunstvoll und glamurös. Da kaum ein Konsens über die Definition von Brutalismus im Design existierte, gaben sich die meisten mit einer „Ich erkenne es, wenn ich es sehe“-Attitüde zufrieden.

Vertieft man sich in die Geschichte, so wird schnell klar, dass Paul Evans der Schlüssel zum brutalistischen Designrätsel ist. Ausgebildet in Metallurgie und später Student an der Cranbrook Academy of Art, praktizierte Evans stets an der Schnittstelle zwischen Kunst, Handwerk und Design und arbeitete überwiegend mit dem Material Metall. Zur Größe der amerikanischen Handwerksbewegung wurde er in den 1960er und 70er Jahren, was zeitlich zufällig mit dem Aufschwung der brutalistischen Architektur zusammenfiel.

Obwohl die rein künstlerischen Ziele von Evans nie mit dem eher praktischen Anspruch brutalistischer Architekten übereinstimmte, bestimmten seine unverwechselbaren, stark verschweißten Schränke und Skulpturen das Bild von allem, was fortan als brutalistisches Design bezeichnet werden sollte. Es steckt daher eine gewisse Ironie dahinter, wenn der Galerist und Design-Gelehrte Todd Merrill uns erklärt: „Brutalismus ist keine Definition, die Paul Evans mochte oder von der er sich gewünscht hätte, dass man so seine Arbeit beschreibt. Dennoch konnte er dem nicht entkommen. Seit seinen frühesten Werken wurde ihm diese Bezeichnung von Kritikern und Mäzenen gleichermaßen angehängt.“

 Skyline Cabinet von Paul Evans (ca. 1966) Skyline Cabinet von Paul Evans (ca. 1966) Foto © Jason Wierzbicki, mit freundlicher Genehmigung von Dorsey Michener Museum Evans fortlaufende Serie an skulpturalen Stahlschränken aus den 1960er und 70er Jahren wurde sinnbildlich für brutalistische Inneneinrichtung und Mobiliar, was sie – zumindest in Teilen – ihren sich wiederholenden, scharfwinkligen geometrischen Formen und den meist rohen und unbearbeiteten Oberflächen zu verdanken hatte. Betrachtet man einfachere, frühere Stücke oder auch die glatteren, facettenartigen Anrichten aus den 70ern, werden die Ähnlichkeiten zur brutalistischen Architektur – in Bezug auf Form und Ausdruck – offensichtlich. Interessanterweise ist Merrill sich nicht so sicher, dass der Einfluss in die Richtung verlief, die man zunächst vermutet: „In den Augen jedes Amateur-Kunstliebhabers, dem die Arbeiten von Paul Evans bekannt sind, wird sich sein Einfluss auf die New Yorker Architektur um uns herum nicht abstreiten lassen.“

Egal, wer wen beeinflusst hat, grundlegende Unterschiede zwischen Evans Mobiliar und den brutalistischen Gebäuden seiner Zeit bleiben bestehen. Evans sah seine Arbeit als sammelbares Kunsthandwerk; sein Gefallen fand sich in der Fertigkeit der Handarbeit und den Intuitions- basierten Komposition. Zudem stellten seine Mäzene seine Arbeiten inmitten luxuriöser Inneneinrichtungen aus, speziell im Verlauf der 1970er Jahre. Seit 2005 erzielen Evans Vintage Stücke hohe Preise bei Auktionen und in Galerien. Erst im vergangenen Jahr wurde einer von Evans Schränken aus den 1970er Jahren bei Wright für 293.000 Dollar verkauft.
 

Doch Evans war nicht der einzige Möbelhersteller, der zur damaligen Zeit handgefertigte, skulpturale Objekte aus Metall erschuf. Seine Kontrahenten, welche die gleiche Vorliebe für grobe Strukturen und Flickwerk in mehreren Schichten rauer Materialien hatten, waren beispielsweise die Amerikaner Adrian Pearsall und Marc Weinstein, die ebenfalls der Riege der Brutalisten zugerechnet wurden. Von dort an breitete sich der Begriff wie ein gutartiger Virus flächendeckend aus und befiel nahezu jedes Objekt, welches in den 1970er Jahren aus Metall gefertigt wurde, selbst Stücke, die botanische Formen gegenüber den geometrischen bevorzugten. Doch damit nicht genug. Selbst Holzobjekte und Stücke mit sich wiederholenden Mustern, wie Keramiken mit stark texturierten Oberflächen und ohnehin alles, was aus Beton hergestellt war, wurden dem Brutalismus zugeschrieben.

Die Amsterdamer Vintage-Händler Ambra and Rik van Ons definieren Brutalismus im Design als „eine Art Nachkriegsarchitektur – verwinkelt, blockartig, geometrisch, plastisch und grob -, welche sich der Architektur bedient ohne sie zu reproduzieren.“ Sie glauben, dass die Schwierigkeit einer passenden Definition daher rührt, dass der Brutalismus über so viele Schnittpunkte mit Objekten der Moderne und sogar dem Industriedesign verfügt, welches unbestreitbar viele der von van Ons genannten Adjektive ebenfalls für sich beansprucht. Das Duo meint weiter: „Dort, wo im Design der Moderne bereits auf feine Details verzichtet wurde, fing der Brutalismus an und ging noch weiter. Die Materialien sind zudem rauer und grobschlächtiger und ohne den Schliff der modernen Stücke.“ Brutalismus kann als der widerspenstige Ursprung moderner Ästhetik und industrieller Materialien angesehen werden.

Joop Schot von Artbrokerdesign zeichnet hingegen lieber ein klareres Bild der Abgrenzung zwischen Brutalismus und Objekten des Industriedesigns , obwohl sie sich alle raueren Materialien bedienen. „Industriedesign neigt dazu, für die Masse hergestellt zu werden, während brutalistische Stücke meist in limitierter Auflage erscheinen, die mehr an Kunstdesign erinnern.“, so Schot. Seiner Ansicht nach wurden Industrie-Objekte immer im Sinne einer bestimmten Funktionalität hergestellt. Sie sind zweckmäßig und erhielten erst durch die Patina des regelmäßigen Gebrauchs eine eigene Art von Schönheit. Brutalistische Stücke hingegen – ein kleiner, aber feiner Unterschied – wurden nicht ausschließlich vor dem Hintergrund der Nützlichkeit geschaffen, sondern mit einem Schönheitsanspruch, der über die Funktion hinausging.

Lenz Vermeulen von City Furniture in Antwerpen beobachtete, wie dem Brutalismus-Begriff über das vergangene Jahrzehnt mehr und mehr Bedeutung beigemessen wurde. Sein erstes Stück, das dem Brutalismus zugerechnet werden konnte, verkaufte er 2006, auch wenn man es damals noch nicht in diese Kategorie gesteckt hätte. „Zu jener Zeit habe ich beispielsweise Sideboards aus Holz mit plastisch gemusterten Türen noch als „brutalistische Möbel“ angesehen.“, erinnert sich Vermeulen. Überhaupt ist er sich immer noch nicht sicher, ob es soetwas wie brutalistisches Mobiliar überhaupt gibt. „Ich glaube, es handelt sich dabei um einen Stil, auf den sich die Leute gerne beziehen, weil er uns an den architektonischen Stil denken lässt. Aber die Beziehung zwischen beiden ist sehr vage.“ Die dekorativen Details, die heutzutage bei vielen, als Brutalismus gekennzeichneten Stücken gefunden werden können, sind dabei ziemlich weit entfernt von der ursprünglichen, Lagerhallen-inspirierten Architektur der Brutalismus-Pioniere Alison und Peter Smithson.

Loop Chairs von Willy Guhl für Eternit (1954) Loop Chairs von Willy Guhl für Eternit (1954) Foto © Furniture-Love „Die Distanz zwischen den ursprünglichen brutalistischen Gebäuden und den Designobjekten kann man sehr gut anhand der Messingleuchten des dänischen Designers Svend Aage Holm Sørensen nachvollziehen, der sich wiederholende Formen – die Form von Diamanten oder gerupften Blättern – nutzt und seine Lampen in sehr grober Art und Weise umsetzt.“, so Ambra van Ons. Es ist der „wundervolle Kontrast“ zwischen extravaganten Formen und dem unfertigen Erscheinungsbild des Materials, der den Reiz ausmacht. Einen ähnlichen Effekt haben die palmenförmigen Messinglampen von Maison Jansen und anderen französischen Ateliers der 1970er Jahre. Tatsächlich passen diese charakteristischen Objekten damit hervorragend zum heute überwiegend praktizierten Eklektizismus. Ambra van Ons schwärmt geradezu von brutalistischen Einrichtungsgegenständen, obwohl sie hauptsächlich auf moderne Stücke aus den Niederlanden und Skandinavien spezialisiert ist: „Wie cool ist denn bitte eine Memphis Vase auf einer brutalistischen Kommode neben einem Lehnstuhl der Moderne?“, fragt sie begeistert.

Vielleicht ist genau das die Krux der steigenden Popularität des Brutalismus im vergangenen Jahrzehnt. Er verkörpert einen noch zerstörerischen, individualistischen und authentischen Anspruch an Inneneinrichtung. Schot nennt Ron Arad’s ikonischen DIY Rover Chair (1981) als weiteres Beispiel dafür, wofür Brutalismus steht. Jahrzehnte des zuckersüßen Marketings und überwiegend kontrollierter Wahrnehmungskultur haben in uns tröpfchenweise ein Verlangen nach etwas Wilderem entstehen lassen. In diesem Sinne geht der Aufstieg des Brutalismus mit dem wiederentdecktem Interesse an zeitgenössischen Interpretationen traditioneller Handwerkskunst einher. Doch wo Handwerk dazu neigt, Wärme und sogar Wohlbefinden auszustrahlen, vermittelt Brutalismus stets ein Gefühl des Ungewohnten, beinahe Außerirdischen. Trotz der breiten Variation an brutalistischen Objekten, teilen die heutigen Designs, die sich dem brutalistischen Stil verschrieben haben, das Interesse daran, Dinge auf die eigene Art anzugehen und die Lust an Freiheit, Furchtlosigkeit und Handwerkskunst hochzuhalten.

 

* Um mehr über die architektonischen Ursprünge des brutalistischen Designs zu erfahren, werfen Sie einfach einen Blick auf Teil 1 unseres zweiteiligen Berichts, Wagemut und Schönheit.

  • Text by

    • Gretta Louw

      Gretta Louw

      A South-African born Australian currently based in Germany, Gretta is a globetrotting multi-disciplinary artist and language lover. She holds a degree in Psychology, and has seriously avant garde leanings.
  • Text by

    • Wava Carpenter

      Wava Carpenter

      Seit ihrem Studium in Designgeschichte an der Parsons School of Design hatte Wava schon in vielen Bereichen der Designkultur den Hut auf: sie lehrte Designwissenschaft, kuratierte Ausstellungen, überwachte Auftragsarbeiten, organisierte Vorträge, schrieb Artikel und erledigte alle möglichen Aufgaben bei Design Miami. Wava lässt den Hut aber im Büro – auf der Straße bevorzugt sie ihre Sonnenbrille.

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