Wie Grünpflanzen ihren Weg in unsere Wohnungen und Herzen fanden


Phytomania

Von Gretta Louw

In den letzten Jahren sind Farne und Palmen, Kakteen und Kräutergärten neben Textilien und Modeartikeln regelrecht aufgeblüht: ob in exklusiven Boutiquen oder Restaurants, am Arbeitsplatz oder als Thema in der Kunst – sie sind überall, natürlich auch in den sozialen Medien. Das Ganze ist aber viel mehr als ein neuer Trend: Untersuchungen haben gezeigt, dass Hauspflanzen nicht nur Luftverschmutzung und Lärmbelastung mindern, sondern auch zum generellen Wohlbefinden und Stressabbau beitragen. Obwohl Pflanzen keine gestalteten Objekte sind, gibt es in der Gestaltung kaum effektivere Hilfsmittel. Wie kam es dazu? Wir werfen einen Blick auf die Geschichte der Zimmerpflanzen und widmen uns dem Einsatz der grünen Pracht in der Designlandschaft des vergangenen Jahrhunderts.

Heutzutage sind Hauspflanzen eine recht erschwingliche Lösung, um Inneneinrichtungen aufzuwerten. Tatsächlich ist diese Entwicklung aber relativ neu, denn jahrhundertelang galten Zimmerpflanzen als Luxus, der den oberen Gesellschaftsschichten vorbehalten war. Schon um 1000 v. Chr. wurden Inneneinrichtungen in China mit Pflanzen geschmückt. Da für ihren Anbau sehr viele Ressourcen benötigt wurden, sie aber keine wichtige Funktion erfüllten, galten Hauspflanzen in erster Linie als Statussymbole. Im sechsten Jahrhundert brachten japanische Gesandte das System der Topfbepflanzung nach China. Die Bonsaikunst vermischte sich so mit Traditionen aus dem Zen-Buddhismus. So wurden die komplexen Miniaturpflanzen und -gärten schließlich zu Aushängeschildern der Geschmacks- und Bildungselite.

Autumn Color aus Flowers in the Four Seasons von Utagawa Toyokuni Ⅲ (1853) Foto © The Omiya Bonsai Art Museum Saitama In Europa setzten sich Zimmerpflanzen nur langsam durch. Zunächst fanden sie vor allem in der Mittelmeerregion Anklang: wohlhabende Griechen, Römer und, auf der anderen Seite des Meeres, Ägypter kultivierten ab 400 v. Chr. dekorative Pflanzen in Terrakottatöpfen. Etwa zur gleichen Zeit, als das Römische Reich in sich zusammenfiel, schien auch dieser Brauch sein Ende zu finden. Erst als Seefahrer während der Renaissance botanische Mitbringsel von ihren Reisen in die Tropen nach Europa brachten und sich die Begeisterung der Aristokraten für Orangerien und Lustgärten durchsetzte, begann man wieder, Innenräume zu bepflanzen. Doch die importierten Pflanzen waren nicht für die harten europäischen Wintermonate gemacht. Um sie erfolgreich zu kultivieren, brauchte man beheizte Glashäuser und aufmerksames Gartenpersonal – nur die reichsten Familien konnten sich einen solchen Aufwand leisten. Zimmerpflanzen wurden wie schon zuvor im asiatischen Raum zu Statussymbolen. Es gab festgelegte Kriterien für gärtnerische Fähigkeiten im Innenraum: Pflanzen im Winter zum Blühen zu bringen galt beispielsweise als besonders geschickt.

Einige Jahrhunderte später im Viktorianischen Zeitalter hatten Hauspflanzen zum ersten Mal Wurzeln in den Wohnräumen der Mittelschicht geschlagen. Durch bessere und günstigere Heizquellen war es endlich nicht mehr nur Thronfolgern vorbehalten, Zimmerpflanzen zu halten. Hobbygärtnerei wurde zu einer regelrechten Obsession und beinahe jede viktorianische Stube war von üppigem Blattwerk geschmückt. Die Leidenschaft ging sogar so weit, dass Leute die englische Landschaft auf der Suche nach immer neuen Gattungen durchstreiften und so Berichten zufolge einige Spezies in der freien Natur gänzlich ausrotteten. Pteridomanie – das Farn-Fieber – war ausgebrochen. Während wir heute den Kopf schütteln, wenn ein neues Opfer auf der Jagd nach dem ultimativen Selfie umkommt, kam es im Viktorianischen Zeitalter zu zahlreichen Tragödien, weil furchtlose Pflanzenjäger*Innen sich auf der Suche nach dem außergewöhnlichsten Exemplar ein wenig zu weit in die Wildnis wagten.

Mini-Gewächshaus aus dem 19. Jahrhundert mit Glaswänden und lackiertem Zinngestell Foto © Nicholas Watt, Sydney Living Museums Anstatt Dekorationen auf die bestehende Architektur anzupassen, diktierte der Trend zu pflanzlichen Dekors eine gänzlich neue architektonische Formsprache. Charakteristische Elemente der viktorianischen Architektur, wie Erkerfenster oder Wintergärten, beziehen sich direkt auf den Wunsch nach innerem Grün. Durch die neuen architektonischen Innovationen konnten die beliebten Hauspflanzen dieser Zeit mit ausreichend Licht, Wärme und Feuchtigkeit versorgt werden – bei vielen von ihnen handelte es sich um tropische Importe oder neue Kreuzungen. Selbst ohne Erkerfenster konnte man etwas Flora und Fauna im eigenen Wohnraum ansiedeln – dank neuer Mini-Gewächshäuser, Vorläufer der heutigen Terrarien.

Mit dem Vormarsch industrieller Produktionstechnologien zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand man jedoch allmählich mehr Geschmack an den einfachen und funktionellen Idealen der Moderne. Überladene viktorianische Interieurs waren plötzlich nicht mehr gefragt. Nach und nach wurde Ordnung in die Urwälder gebracht, die sich während des 19. Jahrhunderts in den Wohnräumen angesiedelt hatten. Sie machten Platz für elegante, moderne Funktionalität oder glamouröses Art Déco. Nachklänge der Pteridomanie sind jedoch überall in Kunst und Illustrationen des Art Décos zu finden. In den 1920ern und 1930ern zierten stilisierte Farne, exotische Pflanzen und Tiere alles von Plakaten über Dekors auf Designermöbeln bis hin zu Geschirr und Glaswaren.

Währenddessen konzentrierten sich die Vertreter der Moderne auf Purismus und allgemeinen Nutzen. Streng genommen lehnte die Moderne jegliche Verzierungen ab, aber auch aus den nüchternsten Midcentury-Einrichtungen wurde die grüne Pracht komplett verbannt. Die für die moderne Architektur typischen, riesigen Glasfronten verbanden den Garten zumindest visuell mit dem Wohnraum. In der Villa Tugend, die Mies van der Rohe im tschechischen Brno errichtete, harmonisiert der Topfpflanzendschungel auf der großzügig angelegten Terrasse formschön mit den legendären Barcelona Chairs. Doch bereits davor versuchte Frank Lloyd Wright die Natur mit der modernen Architektur in Einklang zu bringen. Durch Elemente wie eingebaute Pflanzkästen oder gläserne Wintergärten band der Architekt Pflanzen direkt in den Grundriss seiner Wohnräumen ein.

Aufnahme eines Interieurs aus Better Homes & Gardens (1959) Foto © Better Homes & Gardens Zur Mitte des 20. Jahrhunderts integrierten skandinavische Designer*innen wie Arne Wahl Iversen Pflanzkästen in ihre Möbelentwürfe und gaben dem Grün so einen festen Platz in ihren Einrichtungen. Das hängenden Farnkraut war verschwunden, dafür wurden formschöne, pflegeleichte Topfpflanzen oder architektonische Kakteen in den modernen Interieurs zu festen Größen. Ray Eames soll angeblich einen besonderen Faible für Geranien und blühende Zimmerpflanzen gehabt haben: in Regalen des Case Study House No. 8 in Los Angeles gesellten diese sich oft zu ihren Büchern. Besonders im amerikanischen Raum fand man in der späteren Moderne wieder vermehrt Gefallen an heimischen Pflanzen.

Als die strengen, modernen Regeln sich in der Nachkriegszeit langsam lockerten, kehrte im Zuge neuer Bewegungen, wie dem Radical Design und der Postmoderne, auch das botanische Chaos in den Wohnraum zurück. In Bezug auf Zimmerpflanzen war in den 1970ern und 1980ern wieder Überfluss angesagt. Bei einem Großteil des Designs ging es zum Ende des 20. Jahrhunderts allein darum, die moderne Wand einzureißen, die jegliche Gestaltung über so lange Zeit beherrscht hatte. Legendäre Entwürfe, wie Guframs Cactus Coat Stand (1972), scheinen sich ganz explizit über das Symbol der modernen Grünpflanzen lustig zu machen. Anstelle eines konformen Funktionalismus traten Individualität und Gegenkultur, infolgedessen ironischerweise ein regelrechter Konsumwahn ausgelöst wurde. Zimmerpflanzen waren überall: sie baumelten in Machramékörbchen von der Decke, standen in verrückten Kunststofftöpfen in jeder Ecke und waren während der gesamten 1980er Jahre ein beliebtes Motiv im Grafikdesign.

Abbildung aus der Publikation Urban Jungle: Living and Styling with Plants Foto © Anne Ji-Min Herngaard; @littlegreenfingers auf Instagram Einige Jahrzehnte später (die 90er mit ihren Plastikpflanzen und kitschige Blumendekors überspringen wir nur allzu gerne) sorgten technologischer und kultureller Kontext für eine erneute Blütezeit der Zimmerpflanzen. Selbst unerfahrene GärtnerInnen können heute online jederzeit auf ein schier unbegrenztes Archiv mit Fachwissen und Anleitungen zugreifen. Durch den technologischen Fortschritt ist der Pflanzenanbau billiger denn je – und das, obwohl die Auswahl von verfügbaren Pflanzen exponentiell stetig steigt. Das allgemeine Bewusstsein für den Klimawandel und verschwenderisches Konsumverhalten führte zu eine kulturelle Rückbesinnung auf die Natur – ob in Bezug auf Ernährungstrends, Textilien und Kleidung oder die Wiederauferstehung des Wohnungsdschungels. Die Wiedergeburt der Phytomanie ist also eindeutig mehr als eine temporäre Vorliebe der Millennials: wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass in ihr eine ganz bestimmte Betrachtungsweise der Welt und unseres Lebensraums zum Ausdruck kommt. Aber es ist auch völlig in Ordnung, sich einfach nur an einer Birkenfeige zu erfreuen – diese Pflanze sieht schließlich wahnsinnig gut aus.

 

Weitere Inspiration für das heimatliche Grün gibt es auf der Instagramseite von Ron Goh, bei The Hibiscus Room auf Tumblr und bei den Urban Jungle Bloggers, die gerade passend zu diesem Thema ein fantastisches Buch veröffentlicht haben!

Ein bezaubernde Sammlung an vintage und contempory Pflanzendekor, die wir jüngst zusammengestellt haben, finden Sie hier.

  • Text von

    • Gretta Louw

      Gretta Louw

      Die multidisziplinäre australische Künstlerin Gretta wurde in Südafrika geboren und lebt zurzeit in Deutschland. Sie ist Sprachenthusiastin und Weltenbummlerin, hat einen Abschluss in Psychologie und eine große Vorliebe für die Avantgarde.
  • Übersetzung von

    • Hanna Komornitzyk

      Hanna Komornitzyk

      In ihrer Freizeit widmet sich Hanna den neusten US-Serien, langen Laufrunden an der Spree und dem kulturellen Leben Berlins. Ihre erste große Liebe war die Kunst, dicht gefolgt von SciFi und Arthouse-Filmen, Indie und Alternative, Bauhaus und Grafikdesign. Neben dem Übersetzen findet sie Entspannung vor allem im Web, wo sie stundenlang imaginäre Wohnräume mit minimalistischer, leicht verträumter Designerware einrichtet. Hanna ist in der westfälischen Provinz aufgewachsen und kam für einen Master in English Studies nach Berlin.

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