Die Erkundung dreier Meisterwerke Ico Parisis in Norditalien


Parisi in Como

Von Adam Štěch

Einer meiner liebsten italienischen Architekten und Designer ist der häufig unterschätzte Ico Parisider den größten Teil seines Lebens in der Stadt Como verbrachte, einem hedonistischen Badeort am See in der Nähe von Mailand. Als ich vor Kurzem von drei seiner vergessenen Meisterwerke erfuhr, ging ich sofort auf Pilgerfahrt, um diese zu besuchen und mehr über die kreativen und privaten Ausdrücke seines außergewöhnlichen Talentes zu erfahren.

Den 1916 in Palermo, Sizilien, geborenen Parisi zog es bereits in jungen Jahren nach Como, da diese Stadt für ihn der perfekte Ausgangspunkt war, um die in den 1930ern aufkeimende architektonische Revolution in Italien zu verfolgen. Como war der Heimatort von Giuseppe Terragni, Pionier der italienischen Moderne und Urheber des unglaublich rationalen und vollendet proportionierten Casa del Fascio,  dem ikonischen Hauptquartier der Faschistischen Partei. Auch andere progressive Architekten waren in der Region ansässig, unter ihnen zum Beispiel Pietro Lingeri und Gianni Mantero. Parisi hoffte, von ihnen lernen zu können.

Nach den harten Kriegsjahren, in denen Parisi von 1940-43 an der russischen Front gekämpft hatte, heiratete er Luisa Aiani—eine Schülerin des berühmten Gio Ponti—und sie gründeten gemeinsam das Studio La Ruota. Die abstrakten Theorien Alberto Sartoris, insbesondere der Gedanke, dass Architektur alle zwecklosen und überflüssigen Elemente zurückweisen sollte und harmonische Farben und Linien das oberste Gebot sind, bildeten die Grundlage für Parisis frühe Bemühungen.

Parisis Studio wurde zum Zentrum des kreativen Diskurses in Como und war ein lebhafter Treffpunkt für seine vielen Künstler- und Designerfreunde wie Lucio Fontana, Bruno Munari, Franscesco Somaini, Mario Radice und Fausto Melotti.

 Casa Bolgiana

Erste Station des Rundgangs: eins von Parisis frühesten Wohnprojekten, eine Gruppe von vier benachbarten Villen aus den 1950ern in Monteolimipino. Es gab von Anfang an ein kleines Problem mit meinem Besuch; ich wusste zwar ungefähr wo sich die Villa befindet, aber kannte die genaue Adresse nicht. Glücklicherweise begegnete ich auf der Straße einem guten Samariter, der sich als Architekt erwies. Er nahm mich bei der Hand, holte sein Auto und fuhr mich direkt hin.

Parisis Studio wurde zum Zentrum des kreativen Diskurses in Como und war ein lebhafter Treffpunkt für seine vielen Künstler- und Designerfreunde. A young Ico Parisi and architect Giovanni Galfetti in front of Giuseppe Terragni's masterpiece Casa del Fascio in Como Photo © Archivio del Design di Ico Parisi, Como Als wir ankamen wurde sofort klar, dass jeder Teil von Parisis Quartett—Casa Zucchi, Casa Bertacchi, Casa Bini, und vor allem Casa Bolgiana—bis ins kleinste Detail durchdacht ist und Parisis Überzeugung von der Zusammenführung von Architektur, Design und Kunst verkörpert. In den Gebäuden ist etwas von dem minimalistischen Essentialismus von Terragnis Rationalismus der Vorkriegszeit zu erkennen, aber sie umfassen gleichzeitig unerwartete, dynamische Elemente wie vorspringende Oberflächen, diagonale und abgeschrägte Formen und organische Materialien wie Steinplatten, eingefügt in die üppige Landschaft der Vorstadt.

Parisis Konzept, unterschiedliche Kunstformen zu einem einzigartigen Erlebnis zu vereinen, wird besonders in der Inneneinrichtung der Casa Bolgiana deutlich, welche weitestgehend im Originalzustand ist. Die Möbel sind hochgradig skulptural und größtenteils eingebaut—eine Sinfonie aus seltenen, lackierten Holzarten mit geschwungenen und schrägen Umrissen. Die Raumausstattung wird perfekt von Kunstobjekten, die von Parisis Freunden entworfen wurden, abgerundet, von abstrakten Malereien Radices bis hin zu Keramiktellern von Somaini.

Casa Parisi

Als nächstes machte ich mich durch enge Straßen voller wunderschöner, blühender Bäume und vereinzelter alter Häuser in ein abschüssiges Wohngebiet auf, dass sich über Comos Zentrum und Terragnis Casa del Fascio befindet. Ich klingelte an der Tür eines siebenstöckigen Backsteingebäudes und wurde von Parisis Nichte begrüßt und freundlich hereingebeten. Sie lebt heute in der ursprünglichen Dachwohnung der Familie in den oberen beiden Stockwerken und hat dort einen spektakulären Ausblick auf den Comer See. Die Familie Parisi hat alles in seinem originalen Zustand belassen; die Einrichtung besteht aus Maßanfertigungen und massenproduzierten Stücken aus Parisis Zusammenarbeiten mit unterschiedlichen Herstellern. Seine berühmte Kombination organischer und eckiger Formen vermischt sich auf natürliche Weise mit dem täglichen Leben, das hier stattfindet. Zwei Elemente dominieren den Hauptwohnraum: eine hölzerne Treppe und eine an zwei große Fenster angrenzende Sitzecke. Auch in seinen Inneneinrichtungen mischt Parisi Kunstformen, um ein beeindruckendes Zusammenspiel zu erhalten. Unter den Highlights sind Fontanas Mosaik, das den Terrassenboden schmückt und Dekorationsgegenstände von Somaini und Munari.

Spurano Summer House

Das zweite Haus, das Parisi für seine eigene Familie entwarf, wurde 1961 gebaut und ist ein kleiner bescheidener Wohnsitz am Seeufer des nahegelegenen malerischen Ortes Spurano. Von außen machen Dinge wie die minimalistischen Fensterläden aus Holz, bunte Glasfenster und geometrische Schmiedearbeiten das Gebäude charakteristisch für Parisi. Da das Haus an einen unbekannten Besitzer verkauft wurde, konnte ich nicht hineingehen, aber das was an dramatischen Elementen eines Hyper-Organizismus von außen erkennbar war, verkündet Parisis spätere Abwendung von der Moderne. Als ich frech durch die Fenster schaute, konnte ich erkennen, dass die Innenwände an Höhlen erinnern und eine Säule, die eine Gartenstruktur stützt, aus einem grob behauenen riesigen Baumstamm besteht—zwei unerwartete und erfreuliche Entdeckungen.

Ico Parisi in the 1960s Photo © Archivio del Design di Ico Parisi, Como Nach den 1960ern verabschiedete sich Parisi von der Vorliebe für Eleganz, die er in der Nachkriegszeit gehabt hatte, und nahm einen radikalen und experimentellen Ansatz an. Seine späteren Familienwohnsitze am Comer See—Casa Fontana, Casa Bartoletti und Casa Orlandi—sind voller Avant-Garde-Kunst und seine Produktionsdesigns—vor allem seine Stehlampen für Lamperti—wurden immer futuristischer. Sein lebenslanger Traum eines symbiotischen Kunstausdruckes resultierte in Rauminstallationen und konzeptionellen Objekten, während Parisis Ästhetik sich immer mehr dem französischen Neuen Realismus und der italienischen Arte Povera annäherte. Casa Esistenziale, das Ergebnis seiner Zusammenarbeit mit dem Künstler Césare 1972, ist exemplarisch für Parisis Projekte in dieser Zeit. Es strotzt nur so vor künstlerischer Interventionen, die den Wohnraum absichtlich in einen eindringlichen und teilweise beengenden Ort verwandeln.

Parisis extravagante Arbeiten erreichten während der 1980er ihren Höhepunkt. Unter seinen Werken aus diesem Jahrzehnt sind satirische Objekte, Schmuck, monumentale und utopische Wohnprojekte in Form menschlicher Körper, postmoderne architektonische Umsetzungen und bizarre, ortsspezifische Installationen mit Autos, die in Beton getunkt oder mit Tonnen bedeckt wurden. Obwohl er zu Beginn seiner Karriere von den am meisten überzeugten Vertretern der Moderne inspiriert wurde, sah er die Entstehung postmoderner, utopischer Visionen vorher und trieb diese voran.

Diese lange und dramatische kreative Evolution—sowie die andauernde Synthese von Architektur, Möbeln und Kunst, die sich in der Casa Bogiana und seinen beiden Privathäusern so perfekt zeigt—ist für mich das Herzstück von Parisis Magie. Zum Glück gibt es noch weitere unbekannte Werke zu entdecken—aber das spare ich mir für mein nächstes Architektur-Abenteuer auf.

  • Text und Fotos von

    • Adam Štěch

      Adam Štěch

      Der in Prag lebende Adam ist Editor und Kurator. Er ist Mitgründer des kreativen Kollektivs OKOLO und schreibt für Publikationen wie Wallpaper, Coolhunting, Domus und Modern. Zusätzlich arbeitete er mit Phillips de Pury, SightUnseen, Disegno und Architonic zusammen.

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