Adam Štěch besucht die modernen Wohnhäuser Sydneys


Das Midcentury Modern im Australien der Nachkriegszeit

Von Adam Štěch

Im Zuge seiner großen, weltweiten Mission, die wichtigsten verbliebenen Bauwerke der Moderne aufzuspüren und zu dokumentieren, reiste Kurator und Autor Adam Štěch bis nach Australien. In der dortigen Großstadt Sydney besuchte er die bedeutendsten (wenn auch etwas vernachlässigten) Wohnhäuser aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Am Beispiel von fünf stilprägenden Privathäusern aus der Nachkriegszeit – von Harry Seidlers und Hugh Buhrichs legendären Bauprojekten bis hin zu weniger bekannten von Bruce Rickard oder Neville Gruzma – gewährt uns Štěch einen fesselnden Einblick in die abwechslungsreiche moderne Architektur Australiens.

 

Das Rose Seidler Haus (1948-1950)

Der in Österreich geborene Harry Seidler (1923-2006) leistete für die australische Moderne Pionierarbeit. Zu seiner Wahlheimat fand er über Umwege und begegnete so zahlreichen legendären Designern. Im Jahr 1938 floh er vor den Nazis zunächst nach Großbritannien, wo er in einem Internierungslager landete und später nach Quebec ausgewiesen wurde. Nach seiner Freilassung im Jahr 1941 erhielt er eine Genehmigung für ein Architekturstudium an der Universität von Manitoba in Winnipeg. Diese Ausbildung setzte er nach Kriegsende bei Walter Gropius an der Graduate School of Design in Harvard und bei Josef Albers am Black Mountain College fort. Er arbeitete dann für Marcel Breuer in dessen New Yorker Studio und verbrachte später mehrere Wochen in Oscar Niemeyers Büro in Rio de Janeiro. Seine Eltern, die einige Jahre zuvor ausgewandert waren, brachten ihn 1948 schließlich nach Australien. Das geschichtsträchtige Familienhaus am Rande Sydneys, das Seidler im Norden des Vororts Wahroonga für sie entwarf, zeigt ganz deutlich seine modernen Einschläge.

Wandmalerei auf der Terrasse des Rose Seidler Hauses Foto © Adam Štěch Das im Jahr 1950 fertiggestellte Rose Seidler Haus wurde zum ersten Meilenstein der australischen Moderne und sorgte in der Nachkriegszeit für einen gewaltigen Aufschwung moderner Bauprojekte. Seidler bezog sich bei diesem Gebäude besonders auf Marcel Breuer, der zu dieser Zeit mit Kontrasten zwischen schwerem Mauerwerk und der Schwerkraft trotzenden Holzgerüsten spielte. Das zeigt die leichte Holzkonstruktion des Rose Seidler Hauses, welche – samt Rampe und Glasfront im typischen Stil Le Corbusiers – auf dem schweren Steinfundament wie ein Pavillon wirkt. Seidler passte hier eine Vorliebe für organische Formen, wie man sie bei Breuer findet, auf das spezifische Klima des neuen Kontinents an.

Lediglich der gewaltige Karmin verweist im offenen und luftigen Innenbereich auf die äußere Steinfassade. In Australien wurde das mit Möbeln von Marcel Breuer und Eero Saarinen eingerichtete Haus zum ersten Mal dem unverwechselbaren Stil des Midcenturys gerecht, über den man zu dieser Zeit so viel in der Presse lesen konnte. Das abstrakte Wandgemälde, das Seidler auf der Terrasse malte, verleiht dem Haus ein gewisses tropisches Flair.

 

Hugh Buhrich Haus II (1968-1972)

Im Sommer 2017 widmete sich das Museum of Sydney mit seiner Ausstellung The Moderns jenen Designern und Architekten, die aus Europa eingewandert waren und auf die architektonische Entwicklung Australiens nach dem Krieg einen erheblichen Einfluss nahmen. Unter der Leitung von Designhistorikerin Rebecca Hawcroft zeigte diese Show einzigartige und weitgehend in Vergessenheit geratene Designer aus Deutschland, Frankreich, der Tschechoslowakei, Bulgarien, Ungarn, Österreich und Polen. Unter ihnen auch Hugh Buhrich (1911-2004), der in den 1960ern als Architekt eindrucksvoll die europäische Avantgarde in Sydney vertrat. Vor seiner Flucht aus Nazi-Deutschland lebte der in Hamburg geborene Buhrich in Berlin, wo er seine spätere Ehefrau Eva Buhrich kennenlernte und für den expressionistischen Architekten Hanz Poelzig arbeitete. Die Buhrichs hatten es in ihrer neuen australischen Heimat zunächst schwer; während des Krieges arbeiteten beide in Canberra und zogen anschließend nach Sydney, wo Hugh bis 1971 ohne Lizenz als Architekt arbeitete.

Das Midcentury Modern Interieur des Hugh Buhrich Hauses II Foto © Adam Štěch Obwohl sich seine Projekte aus diesem Grund hauptsächlich auf Möbeldesign und Innenarchitektur beschränkten, entwarf Buhrich einige bemerkenswerte Gebäude. Das wohl wichtigste ist sein Zweitwohnsitz im Norden Sydneys, das er im wunderschönen Wohngebiet Castlegrag für seine Familie errichtete. Während der Nachkriegszeit wurde diese Gegend zu einem wahren architektonischen Spielplatz für die australischen Vertreter der Moderne. Das Haus in der 376 Edinburgh Road überblickt von der Spitze eines steilen Hügels die unten liegende Bucht. Wenngleich es klein und intim gehalten ist, werden hier auf extravagante wie ausdrucksstarke Weise Materialien und neue Technologien zelebriert.

Das wohl auffälligste Merkmal der Konstruktion aus Beton, Glas und Holz ist ihr hölzernes Wellendach, welches dem Gebäude mit einer Beschichtung aus Kupfer einen ganz eigenen Charakter verleiht. Das Dach erstreckt sich über den großzügigen Wohnbereich mit Einbauküche und erhöhtem Essbereich. Der Loungebereich ist mit riesigen, gläsernen Schiebetüren, die sich vom Boden bis zur Decke erstrecken, auf die Bucht ausgerichtet. Ganz ohne Leitschiene verbinden sie den Innenbereich mit einer schmalen Terrasse. Neben modernen Meisterwerken von Marcel Breuer und Charles Eames finden sich in der Einrichtung des Hauses auch von Buhrich selbst entworfene Einzelstücke, wie der direkt ans rohe Mauerwerk angebrachte Esstisch aus Metall und Glas. Auch das Badezimmer ist maßgeschneidert und besteht komplett aus leuchtend roter Glasfaser. In dem eher kompakten Raum verschmelzen Badewanne, Waschbecken und Schränke miteinander.

   

Neville Gruzman Haus (1954-1994)

Man erzählt sich viele Geschichten über den australischen Architekten Neville Gruzman (1925-2005), der zur Extravaganz neigte und als schwierig galt. Während seiner dreißigjährigen Berufslaufbahn würde er vierzig Mal ins Krankenhaus eingeliefert und stand ebenfalls dreißig Mal gegen seine Auftraggeber vor Gericht. Obwohl dieser Meister der australischen Moderne gemeinhin als wütender Mann bekannt ist, baute er während der 1960er und 1970er Jahre einige der wohl bekanntesten Häuser Sydneys. Seine kompromisslose Art und die völlige Hingabe zu seiner Arbeit brachten ihm zahlreiche hochkarätige Projekte ein.

Möbel von Saarinen und Le Corbusier im Innenbereich des Neville Gruzman Hauses Foto © Adam Štěch Gruzman wurde 1925 als Sohn russischer Einwanderer geboren und studierte während der später 1940er Jahre klassische Beaux-Arts-Architektur an der University of Sydney. Nach seinem Abschluss reiste er nach Europa und Japan. Dort befasste er sich sowohl mit der aufkommenden Moderne als auch der traditionellen Architektur Japans. Schon in den 1950ern war seine Arbeit in ganz Sydney bekannt. Er konzentrierte sich dabei hauptsächlich auf Wohnarchitektur, die Traditionelles und Experimentelles mit seinem ganz eigenen, höchst expressiven Stil verschmelzen ließ. Zu seinen bekanntesten Häusern zählen das Goodman Haus aus dem Jahr 1957, das von japanischer Bautechnik inspiriert ist, und das Roseburg-Hills Haus von 1966, das aus horizontalen Betonplatten und Glasfronten besteht. Unter dem deutlichen Einfluss von Frank Lloyd Wright baute Gruzman darüber hinaus auch einige organisch-moderne Meisterwerke, die Handwerk mit innovativer Raumplanung verbinden.

In Sydneys Darling Point liegt auf einem Steilhang versteckt in einer schmalen Privatstraße Gruzmans eigenes Wohnhaus. Das Gebäude, das über mehrere Etappen zwischen 1954 und 1994 erbaut wurde, wirkt introvertiert und sehr persönlich – äußerlich bescheiden gehalten, offenbart sich im Inneren sein glamouröser Charakter. Zwischen üppigen Grünpflanzen gewähren die rechteckigen Holzflächen in der Baukonstruktion ein dynamischen Wechselspiel zwischen horizontalen und vertikalen Formen. Der seitliche Haupteingang führt durch ein kleines Foyer über eine schmale Treppe auf die Hauptetage mit dem Wohnbereich.

Der Innenbereich setzt sich in unregelmäßiger Anordnung aus kleineren und größeren Räumen zusammen. Diese warme, wohlige Wohnumgebung wird von zahlreichen Dachfenstern mit Licht durchflutet. Für Gruzman waren alle seine Wohnprojekte Kunstwerke, die er bis in kleinste Detail plante. Sein eigenes Haus ist dabei keine Ausnahme: mit Treppengeländern aus gebogenem Holz, Einbauschränken und versteckten Türen bietet jede Ecke neue optische Überraschungen. Das Ankleidezimmer in der oberen Etage ist komplett mit Spiegeln verkleidet. In den späten 1980er Jahren baute Gruzman an und veränderte den Grundriss. In einem der Schlafzimmer aus dieser Zeit finden sich rosafarbene Holzmöbel und ein extravagantes, dreieckiges Bad.

 

Curry Haus II (1980-1982)

Die Arbeiten der australischen Architekten Peter Muller, Neville Gruzman, Bill Lucas, Ken Woolley und Bruce Rickard sind gemeinhin unter dem Begriff "Sydney Schule" bekannt. Als Reaktion auf den Internationalen Stil bediente sich diese regionale Architekturbewegung natürlicher Materialien und Texturen einer weicheren, rustikalen Ästhetik. Die Architekten selbst verwendeten diesen Begriff für ihre Arbeit jedoch nie und bevorzugten die breitere Bezeichnung organisch. Aus dieser Architektengeneration ist Bruce Rickard (1929-2010) wohl einer der produktivsten. Vor allem bei Frank Lloyd Wright fand er Inspiration und saugte seine Arbeiten während eines Besuchs in die Vereinigten Staaten im Jahr 1954 förmlich auf. Rickard passte Wright-eske Materialien, Bautechniken und organische Formen an das Klima Sydneys an. Seine offenen, von horizontalen Linien bestimmten Konstruktionen sind nun auch Thema einer Monografie, die als gemeinsames Werk seines Sohns Samuel Rickard und einiger von Australiens bekanntesten Architekturhistorikern kurz vor der Veröffentlichung steht.

Curry House II Foto © Adam Štěch  Das in Sydneys Bayview gelegene Curry Haus II ist eines von Richards Spätwerken. Es wurde im Jahr 1982 für die Curry Familie errichtet, die den Architekten schon einige Jahre zuvor mit dem Bau ihres ersten Hauses beauftragt hatte. Die freitragende Konstruktion des Hauses bietet auf felsigem Untergrund einen spektakulären Blick auf die nahegelegene Bucht und wird durch eine Reihe von runden Betonsäulen gestützt. Die Säulen sind von der grauen Rinde der umgebenden Bäume inspiriert und schaffen mit ihrer unregelmäßigen Anordnung eine Art künstlichen Wald. Auf dem A-förmigen Haus wird mit einem sanft abfallenden, überhängenden Dach abgeschlossen.

Im Inneren schuf Rickard eine offene Wohnumgebung mit verschiedenen Räumen auf mehreren Ebenen, die über eine bis zur Decke reichende Fensterfront mit dem Außenbereich verbunden ist. Der Hauptraum wird von einem Korridor aus Beton durchzogen, welcher zu den einzelnen Räumen führt. Der Raum darunter hingegen besteht aus mehreren Loungebereichen, einer Bar und einer Einbauküche aus Holz. Als die ursprünglichen Auftraggeber nach Kanada zogen, wechselte das Haus zu einem neuen, höchst begeisterten Besitzer. Die Inneneinrichtung ist noch vollständig erhalten – samt der ursprünglichen Auswahl von modernen Möbeln wie auch der warmen, einladenden Palette aus Farben und Texturen.

 

Die vielen Etagen des Jean Fombertaux Hauses Foto © Adam Štěch Jean Fombertaux Haus (1966)

Auch der in Nizza geborene Jean Fombertaux (1920-1975) gehört zu der einflussreichen Generation von europäischen Einwanderern, die nach dem Krieg als Architekten in Australien arbeiteten. Fombertaux schrieb sich nach seiner Ankunft Mitte der 1930er Jahre am Sydney Technical College ein und lernte dort zahlreiche Nachwuchsarchitekten wie Russel Jack und Bruce Rickard kennen. Nach seinem Abschluss im Jahr 1947 war Fombertaux für einige Jahre in Europa tätig, kehrte aber bereits 1955 für die Kooperation mit dem österreichischen Einwanderer Hans Peter Oser zurück. Zusammen gründeten die beiden das erfolgreiche Architekturbüro Oser Fombertaux & Associates. Hier entwarfen sie auf Kommissionsbasis vor allem für Großkonzerne einige bedeutende Gebäude in Sydney, wie unter anderem das William Bland Centre (1960), das Toohey’s Administration Building (1960) und den Innenbereich des BOAC Travel Centres (1963). Ihre Architektur ist von einer rationalen, geometrischen Ästhetik geprägt, die in eleganten Konstruktionen aus Glas und Metall zum Ausdruck kommt. Sie ähnelte somit stark der amerikanischen Unternehmensarchitektur aus dieser Zeit, vor allem der von Mies Van Der Rohe und seinen Anhängern.

Sein eigenes Haus erbaute Fombertaux 1966 auf der Karoo Avenue in Sydneys Wohngegend North Shore. Der federleichte Kastenbau auf felsigem Sandsteinuntergrund zeichnet sich durch ein Gerüst aus schwarzem Stahl aus. Die Konstruktion ist mit Beton, Mauerwerk und Glas unterlegt und um ein Raster aus 16 Stahlpfeilern angeordnet. Die einzelnen Räume sind durch schwebende Bodenplatten aus Beton unterteilt. So entstand auf mehreren Ebenen ein dramatischer Grundriss, in welchem sich der Einfluss von Adolf Loos und den California Case Study Häusern gleichermaßen widerspiegelt. Zu den auffälligsten Besonderheiten zählt wohl der abgesenkte Loungebereich und der orthogonale Treppenaufgang mit einem Geländer aus Glas.

Obwohl Fombertaux bereits im Jahr 1975 verstarb, lebt sein Vermächtnis in seinem Haus weiter. Als talentierter Baumeister hält Fombertauxs Sohn Andre das Gebäude in Stand und hat es umfangreichen Renovierungsarbeiten unterzogen. Mit viel Gespür ist es ihm gelungen, das Haus durch einige neue Elemente zeitgenössisch zu erweitern und gleichzeitig seinen modernen Geist zu bewahren. Die wohl radikalste Entscheidung war die Änderung des Farbschemas: die ursprünglich schwarz-weiße Fassade erstrahlt nun in einer gedämpften und dennoch kräftigen Farbpalette.

  • Text & Abbildungen von

    • Adam Štěch

      Adam Štěch

      Der in Prag lebende Adam ist Editor und Kurator. Er ist Mitgründer des kreativen Kollektivs OKOLO und schreibt für Publikationen wie Wallpaper, Coolhunting, Domus und Modern. Zusätzlich arbeitete er mit Phillips de Pury, SightUnseen, Disegno und Architonic zusammen.
  • Übersetzung von

    • Hanna Komornitzyk

      Hanna Komornitzyk

      In ihrer Freizeit widmet sich Hanna den neusten US-Serien, langen Laufrunden an der Spree und dem kulturellen Leben Berlins. Ihre erste große Liebe war die Kunst, dicht gefolgt von SciFi und Arthouse-Filmen, Indie und Alternative, Bauhaus und Grafikdesign. Neben dem Übersetzen findet sie Entspannung vor allem im Web, wo sie stundenlang imaginäre Wohnräume mit minimalistischer, leicht verträumter Designerware einrichtet. Hanna ist in der westfälischen Provinz aufgewachsen und kam für einen Master in English Studies nach Berlin.

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