Mit seinen Entwürfen formt Lou Weis australische Design Identitäten


Die Futuristen- Teil 5

Von Wava Carpenter

Zur Feier der Salone del Mobile 2017– und während die Design-Community gespannt erwartet, was es dieses Jahr Neues gibt – stellt Pamono in dieser 5-teiligen Serie aufstrebende Stimmen vor, die neue Denkanstöße im Design versprechen. In unserer fünften und letzten Folge wenden wir uns den gleichzeitig forschungsbasierten und romantischen Arbeiten des Kreativdirektors von Broached Commissions, Lou Weis, zu.

  

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Als Mitgründer und Kreativdirektor des in Melbourne ansässigen Designstudios Broached Comissions, hat Lou Weis eine zentrale Rolle dabei gespielt, zeitgenössisches australisches Design zu definieren—und das obwohl dieser außergewöhnliche Philosoph und Vertreter behauptet, dass australisches Design „nicht wirklich existiert." Weis gründete Broached 2011 gemeinsam mit dem Unternehmer Vincent Aiello und den Designern Trent Jansen, Adam Goodrum und Charles Wilson mit dem Ziel, das multikulturelle Erbe Australiens irgendwie in Kollektionen aus von Expertenhand gefertigten Designobjekten in Museumsqualität einzufangen. Jeder Serie liegen ausführliche Nachforschungen zugrunde. Thematisch kreisen sie jeweils um einen Teil australischer Geschichte wie beispielsweise Kolonialismus, Immigration aus Asien oder einheimische Folklore. Vieles von dem, das Broached macht, hat das Ziel, Aspekte der häufig problematischen gesellschaftlichen Entwicklung Australiens aufzudecken und hervorzuheben. Die von Broached produzierten Designs sollen jedoch nicht nur Gespräche anregen; jedes von ihnen ist eine Abhandlung zu australischer Identität in Möbelform.

Weis' Widerwille von „australischem Design" per se zu sprechen kommt daher, dass er sich sehr bewusst über die diversen regionalen Formen, die auf dem riesigen Kontinent ausgedrückt werden, ist. Zudem kennt er sich mit den unterschiedlichen Strömungen an stilistischen Einflüssen von außerhalb aus, die sich mit den lokalen Kulturen, Materialien und Klimata vermischt und vereint haben. Diese Heterogenität ist in seinen Augen allerdings eine Stärke Australiens; sie hat ihn dazu inspiriert diesen ästhetischen Migrationen durch Ort und Zeit zu folgen. 

Broached Colonial, die erste Kollektion des Studios, bestand aus Stücken, die in Weis' Worten „die Wildheit, Brutalität und den Reichtum an Ressourcen der ersten Jahrzehnte der Geschichte Australiens widerspiegeln." Weis lud den in Sydney wohnenden Kurator und Kunsthistoriker John McPhee dazu ein, einen privaten Vortrag zu den politischen und sozialen Voraussetzungen der frühen Kolonialzeit zu halten und forderte dann die Designer von Broached auf, darauf zu antworten. Zusätzlich zu dem Kernteam an Designern (Jansen, Goodrum und Wilson) forderte Broach Chen Lu aus Sydney und Max Lamb und Lucy McRae aus London dazu auf, Werke beizutragen. „Jeder Abschnitt des Prozesses [Broached Colonial zu kreieren], war in sich perfekt" erinnert sich Weis, „angefangen mit dem kuratorischen Spezialisten, der die Designer leitete bis hin zu der Qualität in der Herstellung. Es dauerte zwei Jahre, es fertig zu bekommen und ich sah erst alle Stücke zusammen als wir fotografierten. Dieser Moment ließ mich verstummen. Zum allerersten Mal entsprach das Resultat meinem anfänglichen Ziel." Seitdem hat Broached in Zusammenarbeit mit internationalen Designern wie Naihan Li, Keiji Ashizawa und Azuma Makoto die Broached East Kollektion hergestellt und an mehreren öffentlichen und privaten Innenarchitektur Aufträgen gearbeitet.

The Hairy Wild Man von Botany Bay, eine der Inspirationen für Broached Monsters Mit freundlicher Genehmigung von Broached Commissions Die jüngste Kreation von Broached ist eine von Jansen entworfene Kollektion mit dem Namen Broached Monsters, die erstmalig im Februar bei Criteria Collection in Melbourne ausgestellt wurde. Monsters geht den wilden, europäischen Geschichten von angsteinflößenden australischen Kreaturen nach und umfasst mit Fell bedeckte Stühle und Schalen, einen mit Glasspitzen versehenen Kronleuchter sowie eine aufwendig handgeschmiedete „schuppige” Holzgarderobe und einen Tisch. Die Formen sind aufgrund der unanfechtbaren Fertigkeit und Vorsicht, mit der sie hergestellt wurden, ebenso erschreckend wie beeindruckend. Sie sind, mit einem Wort ausgedrückt, atemberaubend.

„Design ist zu seinen Wurzeln zurückgekehrt, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu finden sind, als die Arts & Crafts Bewegung als Reaktion auf die ungezügelte Industrialisierung ins Leben gerufen wurde”, so Weis. „Designkultur setzt sich für Objekte ein, die geliebt und nicht nur ‚benutzt‘ werden, bis sie zerbrechen und ersetzt werden. Design versucht, die Bedeutung von Boutique, urbaner Herstellung und Kunsthandwerk über Massenproduktion zu fördern.” Weis betrachtet diese Tendenz als einen weit verbreiteten, globalen Trend, der bei Konsumenten als auch Kreativen Unterstützung findet.

Lou Weis, Kreativdirektor von Broached Commissions Courtesy of Broached Commissions Als er zu den oft hohen Kosten eines solch besonderen Designobjektes befragt wird, erklärt er: „Die Realität sieht folgendermaßen aus: Das Herstellen von Editionen, kleinen Auflagen oder [Massen] produzierter Ware sind im Grunde drei ganz verschiedene Verfahren. Die Editionen sind für uns sehr teuer herzustellen, da sie mit Experimentierung einhergehen. Den Künstlern geht es dabei nicht ums Geld. Sie stellen diese Stücke her, um ihre Fertigkeiten und Materialkenntnisse auf die Probe zu stellen.”

Nie ein Snob, hat Weis große Hoffnung für einen weiteren Deisgntrend: der Verschmelzung der Welten von Design, Öko-Materialien und 3D Druckverfahren, getragen von neuen, visionären Unternehmern, damit das, was weggeworfen wird, biologisch abgebaut werden kann. „Unternehmer mit genügend Geld müssen das IKEA oder MUJI Modell unterbrechen und in sehr nachhaltige, schön designte Produktlinien investieren, um uns vom ‚schnellen Design‘ wegzubringen, das die Welt hinsichtlich des Materialverbrauchs nicht aufrecht erhalten kann.”

Und doch will Weis nicht von seinem Standpunkt weichen. „Meine Rolle sehe ich weiterhin bei den angewandten Künsten und Sammlerstücken.” Abschließend meint Weis: Mein Ziel, als Kreativdirektor von Broached liegt darin, wenige Arbeiten in Auftrag zu geben, die so perfekt wie möglich gemacht sind. Das Ergebnis sind Kollektionen, die mit der Zeit geschätzt werden. Meinerseits erfordert dies großen Fleiß und Geduld.”

 

* Entdecken Sie weitere Stories aus unsere Futuristen Serie, darunter Profile der Camp Design Gallery, der Kuratorin Annalisa Rosso, und des Designkollektivs  Form&Seek, sowie dem „Design-Organisierer” David Heldt of Connecting the Dots.

  • Text by

    • Wava Carpenter

      Wava Carpenter

      Seit ihrem Studium in Designgeschichte an der Parsons School of Design hatte Wava schon in vielen Bereichen der Designkultur den Hut auf: sie lehrte Designwissenschaft, kuratierte Ausstellungen, überwachte Auftragsarbeiten, organisierte Vorträge, schrieb Artikel und erledigte alle möglichen Aufgaben bei Design Miami. Wava lässt den Hut aber im Büro – auf der Straße bevorzugt sie ihre Sonnenbrille.

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