Redakteur David Heldt aus Holland verbindet Lokales mit Globalem


Die Futuristen—Teil 4

Von Wava Carpenter

Zur Feier der 2017er Ausgabe des Salone del Mobile – und während die Design-Community gespannt erwartet, was es dieses Jahr Neues gibt – stellt Pamono in dieser 5-teiligen Serie aufstrebende Stimmen vor, die neue Denkanstöße im Design versprechen. In unserer vierten Folge sprechen wir mit David Heldt. Der niederländische Redakteur steckt hinter dem neuen Fuori Salone Ausstellungsort, Design Language, und ist außerdem Gründer der kuratorischen Plattform Connecting the Dots.

 

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„Sowohl politisch als auch ökologisch gesehen leben wir in dunklen Zeiten." Dies ist die Antwort des niederländischen Herausgebers und Kurators David Heldt auf die Frage nach den Ursprüngen der lichtdurchfluteten Installation, die er letzten September während des London Design Festivals zusammenstellte. „Als ich damit anfing, die Ausstellung zu organisieren, wollte ich buchstäblich etwas Licht spenden."

Es war eine wunderschöne Ausstellung, die unter dem Titel Enlightened Design die Arbeiten von acht niederländischen Nachwuchsdesignern präsentierte. Jedes Werk kreiste um die Themen Licht, Zeit und Leichtigkeit. Und während die Objekte, die Heldt ausgewählt hatte, zweifellos bereits an sich beeindruckend waren, war es der Veranstaltungsort, der das Projekt so besonders machte: ein leicht heruntergekommenes, georgianisches Handelshaus aus dem 18. Jahrhundert mit 15 Zimmern in Spitalfields. Das unerwartete und anachronistische Erlebnis durch diesen stark abgedunkelten Raum auf unebenen Böden entlang Wänden mit abblätternder Farbe zu laufen, hatte den von Heldt gewünschten Effekt: „Die Menschen langsamer werden zu lassen, ihre Neugier zu wecken und zu bewirken, dass sie sich Zuhause fühlen." Ich weiß nicht, wie viele Personen zu dieser kleinen Ausstellung eher wenig bekannter Namen gefunden haben (wenn man bedenkt, was LDF sonst so zu bieten hatte), aber ich bin mir sicher, dass die, die sie gesehen haben, dieses warme, vertraute Gefühl auch wahrgenommen haben.

Heldt ist eine interessante Persönlichkeit. Er setzt sich für die heutigen Designer ein und glaubt an die Auswirkungen, die sie auf die Welt haben können. Für ihn fing alles damit an, dass er in den 1990ern Möbeldesign an der ArtEZ in Enschede studierte und nach seinem Abschluss sein eigenes Studio in Amsterdam eröffnete, bevor er einen theoretischeren Master in Design Futures an der Goldsmith University in London begann. Aber ungefähr zu der Zeit, als das neue Jahrtausend begann, stellte er fest, dass Designer alle möglichen Arten von Unterstützung und Förderung benötigen, um erfolgreich werden zu können. Statt sich auf seine eigenen Arbeiten zu konzentrieren, entschied er sich dazu, einen größeren Beitrag zur weltweiten Designcommunity zu liefern, indem er die Aufmerksamkeit auf die Arbeiten anderer lenkte—und zwar spezifisch auf diejenigen, die in den Niederlanden entstanden. Er dachte sozusagen global und handelte lokal.

  Designer besitzen im Allgemeinen einen moralischen Kompass, durch den sie besonders gut geeignet sind, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Seitdem hat er mehrere Ausstellungen niederländischen Designs kuratiert, darunter The Dutch New Innovators: A Celebrations of the Netherlands-Japan 1600–2000, welche 2000 im International Design Center NAGOYA Museum präsentiert wurde, gefolgt von einer Vielzahl an Pop-Ups bei internationalen Designevents wie der Salone del Mobile Milan, dem London Design Festival, der Dutch Design Week, Guangzhou Design Week und der Hong Kong Business of Design Week. 2005 gründete er Tuttobene, eine Art Verkaufsagentur für unabhängige Designer und kleine Marken. 2009 erschien die erste Ausgabe des The Dots Magazins, in welchem alle niederländischen Designs, die während der unterschiedlichen Designwochen gezeigt werden, aufgelistet sind. Er startete außerdem Press Desk, eine Onlinedatenbank mit Pressemappen niederländischer Designer und Marken. Viele von Heldts Projekten heben insbesondere nachhaltiges Design aus den Niederlanden hervor. Für die diesjährige Mailänder Designwoche eröffnete seine kuratorische Plattform Connecting the Dots in der Nähe von Zona Tortona einen neuen, riesigen Ausstellungsraum und eine dreitägige Konferenz in Zusammenarbeit mit dem Altiero Spinelli College.

Heldts neuestes Designunterfangen trägt den Namen Design Language, eine Bezeichnung, die von den Räumlichkeiten inspiriert wurde: „Der Raum wird normalerweise als Sprachschule genutzt, in der die Studenten auf hohem Niveau zu Dolmetschern ausgebildet werden. Der Direktor der Universität fragte uns, ob wir mit den Studierenden zusammenarbeiten könnten, damit sie ihre Fähigkeiten üben können. Im Hinblick auf die momentane Lage im Design fand ich das inspirierend. Haben verschiedene Länder unterschiedliche Identitäten im Bezug auf Design? Wie drücken Designer sich heutzutage in unterschiedlichen Design-Sprachen aus?" Die Ausstellung zeigte die Arbeiten von mehr als 50 Designern und Marken und die Konferenz empfing eine Reihe einflussreicher Redner wie Alvaro Catalán de Ocón aus Spanien, BCXSY aus den Niederlanden und Alberto Meda aus Italien.

Fragt man ihn nach seinem Blick auf die Zukunft des Designs, hebt Heldt das Potenzial Gutes zu tun hervor: „Design wird sich immer mehr darum drehen, Probleme zu lösen und immer weniger darum, Objekte zu kreieren. Ich bin überzeugt, dass Designer im Allgemeinen einen moralischen Kompass besitzen, durch den sie besonders gut geeignet sind, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Besonders bei den derzeitigen Abschlussaustellungen sehe ich sehr viel Social Engineering. Leider ist es aber für Designer sehr schwer ihren Lebensunterhalt mit sozialen Entwürfen zu verdienen; viele kehren daher dazu zurück, Objekte zu designen, die verkauft werden können. Ich hoffe, es wird in der Zukunft eine bessere Marktwirtschaft für soziales Design geben. Die Politik würde von diesem Potenzial profitieren."

David Heldt von Connecting the Dots in London 2016 mit einer Verletzung von der Installation Foto © Marco Lehmbeck für Pamono Betrachtet man die Anzahl an Plattformen, die Heldt entwickelt hat, kann man ihn definitiv als einen Contemporary Design Unternehmer bezeichnen. Mit Blick auf seine ständigen Bemühungen, den Designern, die er lokal kennt, zu helfen und seine laufende Arbeit daran, sie einem globalen Publikum vorzustellen—wobei immer die im Mittelpunkt stehen, die eine tiefe Verbundenheit zu Design Thinking aufweisen—wäre die treffendere Bezeichnung für ihn wahrscheinlich „Community Organizer."

„Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, dass sich Designer in die Politik einmischen," sagt er. „Populismus ist das Gegenteil von Problemlösung—dort geht es darum, Mauern zu errichten, um Ausschluss und Egozentrismus; es geht darum, sich vor den Problemen zu verstecken statt sie zu lösen. Kürzlich erhielt ich eine Email von einem in New York lebenden mexikanischen Designer, der nun nach Amsterdam ziehen möchte. Und in der Tat sind es gerade dunkle Zeiten. Ich glaube nicht, dass Trump tatsächliche Pläne hat, die er umsetzen möchte; vielleicht ist das eine Möglichkeit für Designer, ihm ein paar Ideen zukommen zu lassen. Architekten und Designer könnten eine Plattform erstellen, auf der sie intelligente Ideen zu kleinen und großen gesellschaftlichen Problemen sammeln. Wenn Regierungen über Dinge wie Infrastruktur, Flüchtlinge, Umwelt, Wirtschaft, etc. nachdenken, wäre es sehr hilfreich und gut, wenn Designer mit am Tisch säßen und den Prozess fortlaufend von innen beeinflussen könnten. Sie haben Ideen, die Ingenieure, Politiker und Finanzleute nicht haben. Im Design geht es darum, sich Alternativen auszudenken," betont Heldt. „Unsere Probleme haben sich in den letzten Jahren rasant verändert. Und genau das müssen die Lösungen auch tun."

 

* Unsere Futuristen Serie hat Camp Design Gallery, Kuratorin Annalisa Rosso, und das Designkollektiv Form&SeekUnsere letzte Story wird sich um Lou Weis von  Broached Commissions drehen.

  • Text by

    • Wava Carpenter

      Wava Carpenter

      Seit ihrem Studium in Designgeschichte an der Parsons School of Design hatte Wava schon in vielen Bereichen der Designkultur den Hut auf: sie lehrte Designwissenschaft, kuratierte Ausstellungen, überwachte Auftragsarbeiten, organisierte Vorträge, schrieb Artikel und erledigte alle möglichen Aufgaben bei Design Miami. Wava lässt den Hut aber im Büro – auf der Straße bevorzugt sie ihre Sonnenbrille.

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