Brunnen190 zeigt facettenreiches Contemporary-Design in Berlin


In guter Gesellschaft

Von Anna Carnick

Brunnen190 liegt im Herzen Berlins in einer kleinen Gasse des belebten Stadtbezirks Mitte. Es wurde im Winter 2016 eröffnet und hat sich seitdem zu einem herausragenden Schauplatz für zeitgenössisches Design etabliert. Die Einrichtung wird von Designern selbst betrieben, die anstelle von Massenware aktuelle, selbstproduzierte Objekte verschiedenster aufstrebender Berliner Talente präsentieren. Darunter befinden sich ausgefallene Einzelstücke als auch Exemplare in limitierter Auflage.

Im Gegensatz zur herkömmlichen Galerie wird der Raum von ungefähr zehn sich abwechselnden, selbstständigen Designern betrieben und gestaltet. Jeder Designer widmet sich an einem Wochentag der Arbeit im Ausstellungsraum. Dabei wird ein demokratischer Ansatz verfolgt: fällt eine gewichtige Entscheidung bezüglich des Raumes an, müssen erst alle DesignerInnen zustimmen. Entscheidungen betreffen beispielsweise die Organisation besonderer Veranstaltungen oder das Einladen von “Gast-Designern”, die ihre Arbeiten parallel zum Kernbestand der Einrichtung vorübergehend zur Schau stellen. Die Installationen in Brunnen190 ändern sich im Laufe des Jahres. Momentan ist der Ausstellungsraum in gesättigten Farbtönen getränkt, die für ein gemütliches Ambiente sorgen und gleichzeitig eine melancholisch und leicht düstere Stimmung hervorrufen – eine ideale Kulisse für die vielseitigen, lebhaften Designs.

Im Mittelpunkt der aktuellen Ausstellung stehen ausdrucksstarke Textilien – „Wooden Textiles“ – von Elisa Strozyk. Sie werden in einem nachgestellten Schlafzimmer präsentiert und dramatisch in Szene gesetzt. Hierfür kommt eine hohe Stehlampe mit einer von roten Federn besetzten Leuchte von Heike Buchfelder – auch bekannt als Pluma Cubic – zum Einsatz. Die stimmungsvollen geometrischen Wandlampen von Robert Hoffman ergeben mit den grafisch gestalteten, lackierten Holzschränken von Martin Holzapfel, die zugleich skurril und vornehm sind, eine optische Einheit.

Weitere herausragende Arbeiten sind: Die alchemistisch anmutenden Colored by Copper Vasen von Milena Kling, die mundgeblasenes Glas mit Kupfer vereinen und  romantisch und wahrlich sonderbare Resultate liefern; die Lampen von Tom Kühne, die aus seidenem Kimonostoff bestehen; die organisch geformten Emily Hängelampen von Daniel Becker, die von Aufnahmen thailändischer Berggipfel des deutschen Fotografen Andreas Gursky inspiriert sind; sowie die schlanken, leichten aber stabilen No Cardboard Hocker von Philipp Käfer, die mit Aluminiumtechnologie produziert wurden, welche üblicherweise im Flugzeug- und Schiffbau zum Einsatz kommt, nicht in der Möbelherstellung. Überall erstrahlen Designobjekte im Glanz ihrer einzigartigen Geschichte, und geben dennoch ein harmonisches Gesamtbild ab.

Das Team von Brunnen190 bezeichnet diese Vielfalt als wesentlichen Bestandteil ihres Projekts. Die gebürtige Berlinerin Elisa Strozyk verrät: „Für uns ist der Ausstellungsraum Brunnen190 ein Ort des Experimentierens, an dem wir beobachten können, wie unsere Kreationen miteinander interagieren. Die verschiedenen Bildsprachen, Materialien und Techniken werden kombiniert und verstärken somit ihre Wirkung.“

Dem stimmt Martin Holzapfel zu. „Dieser Ort [gibt uns die Möglichkeit] eine direkte Rückmeldung für unsere Arbeit zu erhalten. Unsere Besucher lieben es, die verschiedenen ungewöhnlichen Designs zu betrachten, die wir im Ausstellungsraum präsentieren.“

Heike Buchfelder bezeichnet die einmalige Organisation von Brunnen190 als seine größte Tugend. „Unseren eigenen Ausstellungsraum mit ausgewählten Designern zu kuratieren ist sehr besonders im Gegensatz zu anderen Ausstellungsarten, da wir selbstständig handeln und unsere eigenen Entscheidungen treffen können. Wir haben viel mehr Visibilität und einen engeren Kundenkontakt. Der Raum ist ein Treffpunkt, an dem wir uns gegenseitig inspirieren und kritisieren.“

Und das ist gewiss keine leichte Aufgabe in einer Stadt, in der zeitgenössische Designer oftmals gezwungen sind, in erschwinglicheren Randbezirken zu leben und zu arbeiten und so über ganz Berlin verstreut sind. Brunnen190 bietet da einen günstig gelegenen Treffpunkt für Gründer und Angehörige der Berliner Designszene zugleich und erscheint in vielerlei Hinsicht als dessen kleiner Mikrokosmos – aufstrebend und selbstständig, und randvoll von bemerkenswertem und abwechslungsreichem Talent.

 

Brunnen190 ist Mittwoch bis Samstag ab 12 bis 20 Uhr für Besucher geöffnet. Brunnenstr.190, 10119 Berlin.

Sollten Sie in Berlin oder Umgebung wohnen, kommen Sie gerne am Mittwoch, 6. Dezember um 18 Uhr zur Eröffnung der nächsten Veranstaltung vorbei. Präsentiert werden erstmals neue Arbeiten des Kollektivs, als auch Werke zweier Neuzugänge – Andree Weissert und Maria Volokhova – wie auch eine Kollektion kleinerer, preiswerter Weihnachtsgeschenke.

  • Fotos von

    • Ramtin Zanjani

      Ramtin Zanjani

      Ramtin wurde in Teheran geboren, aber ist seit acht Jahren in Berlin zu Hause. Er hat umfassende Erfahrung in der Werbefotografie, ist um die ganze Welt gereist und hält es für überaus romantisch, zu summen und dabei Knoblauch fein zu hacken.

  • Text von

    • Anna Carnick

      Anna Carnick

      Als ehemalige Redakteurin bei Assouline, der Aperture Foundation, Graphis und Clear feiert Anna die großen Künstler. Ihre Artikel erschienen in mehreren angesehenen Kunst- und Kulturpublikationen und sie hat mehr als 20 Bücher herausgegeben. Sie ist die Autorin von Design Voices und Nendo: 10/10 und hat eine Leidenschaft für ein gutes Picknick.
  • Übersetzung von

    • Jessica Hodgkiss

      Jessica Hodgkiss

      Jessica ist Cheesecake-Enthusiastin, Kunstliebhaberin und man findet sie häufig auf Flohmärkten. Außerdem liebt sie es, Zeit in Berlins wunderschönen Parks und den Seen in der Umgebung zu verbringen. Die in München geborene Übersetzerin studiert zur Zeit Kunstmanagement im Master.

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