Christian Larsen blickt auf Mid-Century Ikonen Brasiliens zurück


Die Brasilianische Moderne

Von Christian Larsen

Als Carioca Designer Sergio Rodrigues  (1927-2014) im Jahr 1957 seinen Mole Sessel vorstellte (später bekannt als der Sheriff Sessel), stand dieser über Monate hinweg in dem Schaufenster seines Geschäfts in Rio de Janeiro, ohne großartig Aufmerksamkeit zu erwecken. In den darauffolgenden Jahren zirkulierten jedoch in ganz Europa Exemplare des Sessels und erhielten immer größeren Beifall der Medien, gipfelnd im ersten Platz der 1961er International Furniture Competition im italienischen Cantú, und der Aussage des dänischen Architekten  Arne Jacobsen, das meisterhafte Design sei „absolut repräsentativ für seine Herkunftsregion“. Die europäische Anerkennung hallte in Brasilien wider, und der Stuhl wurde zu einer nationalen Ikone.  

Wie konnte ein Möbelstück, wie der Mole Sessel, ein Symbol der brasilianischen Identität werden? Warum war die Nachkriegszeit besonders günstig für die Konstruktion des modernen Images Brasiliens durch Design? Viele Möbel, die zu jener Zeit in Brasilien hergestellt wurden, vor allem der Mole Sessel, waren aus Materialien und Formen geschaffen, die ihre Wurzeln in der Landschaft und in der Geschichte des Landes hatten. Dies hob modernes brasilianisches Design von anderen modernen Versionen ab, die in den Vereinigten Staaten oder Europa hergestellt wurden. Die Struktur des Mole Sessels aus gedrechseltem und poliertem Jacarta Holz, war niedrig, dick und robust und wich so von der üblichen Vorliebe des Mid-Century für leichtere, mildere europäische Formen ab. Das regionale Jacaranda lässt einen an die kolonialen Möbel der Zuckerplantagen der Bahia Region denken, das Leder an die Gaucho Kultur des Südens. Die Schlaufen und die Federungen erinnern an die Hängematten des Nordostens, während die einladenden, großzügigen Polster auf die entspannte Sanftheit — „mole“ bedeutet weich und leicht im Portugiesischen — der Carioca Lebensweise zurück führt. Im Gesamteindruck nimmt der Sessel den internationalen Trend zur heimischen Zwanglosigkeit und zum entspannten Komfort vorweg, der zum Markenzeichen des Designs der 1960er Jahre wurde.  

Design war einer der vielen kulturellen Exporte, der Brasilien als aufsteigende, moderne Nachkriegsnation auszeichnete. Inmitten der Hochkonjunktur der 1950er Jahre erfuhr das Land eine rapide Industrialisierung, welche die ersten Stahlwerke Brasiliens mit sich zog. In den 1960ern wurde Bossa Nova international im Radio gespielt und später lief das Cinema Novo in den internationalen Kinosälen. Die Welt war fasziniert von dem Design und der Ausführung von Brasília, der neuen Hauptstadt, die aus dem Nichts, im Einklang mit den aktuellsten modernen Theorien und Ästhetiken, erbaut wurde. Nicht durch Zufall richtete Rodrigues viele Innenräume Brasílias ein, sowie auch die Brasilianische Botschaft in Rom. Es war Brasiliens einzigartige Herangehensweise an die Moderne, insbesondere die Architektur Oscar Niemeyers und seiner Landsleute, die ein neues nationales Selbstbewusstsein und einen neuen Stil signalisierten, der oft durch cleveres Marketing, Bildungsstrategien, Publikationen, Filme und Wanderausstellungen beworben wurde, die vom Ministerium für Außenpolitik unterstützt wurden. Viele der modernen brasilianischen Designs entstanden mit der ausdrücklichen Intention mit den neuen Architekturformen zu harmonisieren. 

Zwei weitere Designer — Joaquim Tenreiro und José Zanine Caldas — bereiteten den Weg für moderne Möbel in Brasilien, indem sie ihnen Attribute verliehen, die wir bis heute wiedererkennen, nämlich hauptsächlich die progressive Neuinterpretation traditioneller und kolonialer Formen, die durch professionelles Handwerk und elegantes Holz wiedergegeben wurden. Die Möbel des portugiesischen Immigranten Tenreiro (1906-92) veranschaulichten diese Attribute in kleinen Werkstattsproduktionen. Sein professionelles Verständnis der inhärenten Qualitäten brasilianischen Holzes wird in seinem Cadeira de Três Pés widergespiegelt. Dieses meisterhafte Stück- erstmals ausgestellt in seinem Geschäft in der Copacabana im Jahr 1947- schafft einen visuell leichten, spielerischen optischen Effekt, durch die Laminierung fünf verschiedener Holzarten: Jacaranda, Imbuia, Roxinho, Pau Marfin und Cobréuva. 

Die Beschäftigung mit der Identitätsfrage war in den lateinamerikanischen künstlerischen und kulturellen Formen allgegenwärtig Skizze des Hauner Sofas von Sergio Rodrigues Photo © Instituto Sergio Rodrigues Skizze des Bowl Stuhls von Lina Bo Bardi, ca. 1951 Photo © Arper

Im Gegensatz dazu kreierte José Zanine Caldas (1919–2001), neben seinen von Hand gefertigten Stücken, viele Designs, die für die Massenproduktion gedacht waren. Basierend auf seiner Forschung zum Schichtholz, welches er in dünne, gepresste Platten verwandelte, gründete Zanine die Movéis Z Möbelfirma in São José dos Campos im Jahr 1948. Seine Designs minderten den Bedarf an manueller Endbearbeitung, ersetzten handgenähte Polster mit fixierten oder gehefteten Stoffen und genossen aufgrund ihrer erschwinglichen Preise kommerziellen Erfolg.

Später nutzte Zanine seine kreativen Fähigkeiten, um überflüssiges und verbranntes Schnittholz der Regenwälder für seine Möbel zu verwerten. Mit seiner Mission der nachhaltigen Nutzung durch die Förderung heimischer Hölzer, gründete Zanine im Jahr 1983 DAM (Foundation Center for the Development of Applications of Brazilian Woods). Seine Möbel demonstrieren den brasilianischen Anspruch an großzügige Proportionen mit einer gleichzeitig sinnlichen Beziehung zum menschlichen Körper.

Handwerkliche Produktion, moderne Ästhetik und gesellschaftliche Verantwortung waren die Grundprinzipien bei Unilabor , einer Genossenschaft christlicher Arbeiter, die von 1954 bis 1967 moderne Möbel herstellte. Gegründet vom dominikanischen Ordensbruder João Batista Pereira dos Santos, Künstler und Designer  Geraldo de Barros , Ingenieur Justino Cardoso, und Schmiedemeister Antônio Thereza, strebte Unilabor nach der kreativen, pädagogischen und spirituellen Entwicklung seiner Arbeiter, indem zahlreiche Kurse, Vorträge, Filmvorführungen und eine Theatergruppe angeboten wurden. Das Design der Möbel war meist de Barros (1923-98) zuzuschreiben, dessen Designästhetik von seiner künstlerischen Ausbildung in Paris und von vom Bauhaus inspirierten Experimenten in abstrakter Fotografie beeinflusst war. Sein Estante Bücherregal zehrt vom Minimalismus der deutschen Ulmer Schule und der geometrischen Strenge der Konkreten Kunst. Nichtsdestotrotz waren die utopischen Aspirationen und sozialen Missionen von Unilabor ganz brasilianischer Natur. 

Die italienische Immigrantin Lina Bo Bardi (1914-92) verkörpert den europäischen Einfluss, der in Brasilien zu etwas gänzlich Neuem wurde. Bardi brachte ihre Arbeitserfahrung, beispielsweise beim Architekturmagazin Domus, mit sich nach São Paulo, wo sie und ihr Ehemann, Kunstkritiker Pietro Maria Bardi, das Kunst- und Architektur Magazin Habitat (1951-1954) gründeten. Die Bardis wollten experimentelle Design-Institutionen in Brasilien gründen, die in Europa schon längst gegenwärtig waren — das Instituto de Arte Contemporânea (IAC) im Museu de Arte de São Paulo (1951–53), zum Beispiel. Bardi stellte Möbel für ihre eigenen architektonischen Aufträge in ihrer Designwerkstatt, Studio Palma, her. Ihr Interesse neigte sich zunehmend den brasilianischen traditionellen und populären Künsten zu. Dies brachte sie dazu, durch das ganze Land zu reisen, um traditionelle Materialien und Konstruktionsmethoden zu studieren. Ihr Bowl Armlehnstuhl- mit seiner minimalen Metallstruktur und seinem organischen, körperbewussten, gepolsterten Sitz- ist eine perfekte Verschmelzung des industriellen Rationalismus, den sie aus Europa importierte und der eigenwilligen und spielerischen Gesinnung, die sie in Brasilien vorfand. 

Die Beschäftigung mit der Identitätsfrage war in den künstlerischen und kulturellen Formen Lateinamerikas allgegenwärtig. Wie die meisten seiner Nachbarn in der Hemisphäre, musste Brasilien eine hybride Identität formen, die sich mit einheimischen und afrikanischen Kulturen, globalen Immigranten aus verschiedensten Ländern, wie Japan, Italien und Syrien sowie den Nachwirkungen des europäischen Kolonialismus, der bis in das 20. Jahrhundert anhielt, auseinandersetzte. Trotz dessen brachte das Land in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg eine Reihe an Designmeistern hervor, die diese Heterogenität aufnahmen und eine einzigartige Designsprache hervorbrachten, indem sie kulturelle Ressourcen und Rohstoffe nutzten, in die Vergangenheit sowie die Zukunft blickten, und die Tradition des Handwerks beibehielten, die eine tiefe Wertschätzung der besonderen Qualitäten von heimischen Materialien voraussetzte. 

  • Text by

    • Christian Larsen

      Christian Larsen

      Christian Larsen arbeitet als Associate Curator für Modern Decorative Arts & Design am Metropolitan Museum of Art. Zur Zeit promoviert er am Bard Graduate Center und kuratierte bereits für das Wolfsonian Museum und das Museum of Modern Art. Vergangene Ausstellungen thematisierten unter anderem Jean Prouvé, Helvetica, Lateinamerikanischen Modernismus und Ettore Sottsass. Er hat zahlreiche Publikationen veröffentlicht sowie Vorlesungen gehalten.

Mehr zum Entdecken